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Kranken, im Unstath, in den Banden, in weit entfernten Gegenden Hilfe leisten,ihnen beistehen, nnd sich sogar nicht einmal durch die Schrecknisse der Pest vorausgebreiteten Liebeswerken abschrecken lassen: „Wer dieses verkennt oder ver-nichtet, der hat nur einen gemeinen oder niedern Begriff von der Tugend undbeschränkt in dummer Einfalt die Pflichten der Menschen gegen Gott schlechthinauf äußerliche Verrichtungen und geistlose Gewohnheiten, welche insgemein ohneEifer und Gefühl geschehen." Der berühmte Philosoph Leibnitz denkt und ur-theilt also über die Orden ganz anders, als mancher badische Professor undLandstand.
Ein treu geliebter Seelenhirte.
Aus Treno in der Lombardei schreibt man: Unser ehrwürdiger Pfarrerund Decan wurde am 8. Mai aus dem Gefängnisse entlassen. Die Richter inBergamo wurden es endlich müde, den guten Pfarrer, welcher der Majestätsbe-leidigung angeklagt oder vielmehr verdächtiget worden war, nach 2 und i/z Monatengesänglicher Haft länger zu quälen, da sie nicht einmal einen Schein des ange-schuldigten Verbrechens aufzufinden vermochten; sie begründeten ihr desfallsigesErkenntniß mit dem Verwände, daß nach dem seit dem l. dieses eingeführtenGesetze es nicht möglich gewesen wäre, ihn zu verurtheilen. Wie dem nun auchsei, so kann man sich keine Vorstellung machen von der Freude der BewohnerTreno's und der Umgegend, als dieselben die Freilassung ihres Seelsorgers er-fuhren; sie kamen noch denselben Abend nach Bergamo , um ihn ungesäumtzurückzuführen, mußten aber bis zum nächsten Tage ihr Vorhaben aufschieben,welche Zeit sie indeß benützten, um geeignete Vorbereitungen zu treffen, denEmpfang noch glänzender und feierlicher zu machen. Lange vor der Wagen inTreno anlangte, waren alle Glocken in Bewegung und die Landleute gabenFeuersalven mit Flinten, Pistolen, Böllern, kurz mit Allem, was sie eben zurHand hatten. Bis eine Meile von dem Flecken war das Volk dicht an der Straßegeschaart, so daß der Wagen bei seiner Ankunft nur im Schritte vorwärts kommenkonnte. Ein Jeder wollte seinen Pfarrer zuerst sehen und ihm die Hände drücken,und Alles schrie ohne Aufhören: „Es lebe unser Pfarrer!" „Es lebe die Un-schuld!" rc. Als man endlich zum Pfarrhause gelangte, sah man die Unmöglich-keit in das Haus zu gelangen; denn dasselbe, der Garten, die Bäume, Alleswar dicht mit Menschen besetzt. Die Priester des ganzen Decanats, welche ihremVorstand entgegengeeilt waren, führten ihn also in die Kirche, wo ein „Gott Dich loben wir" angestimmt und hierauf mit dem allerheiligsten Sacramenteder Segen ertheilt wurde. Als die Feierlichkeit geendet war, wollte Niemanddie Kirche verlassen, denn die Gemeinde wünschte, der Pfarrer möchte noch dieKanzel besteigen und einige Worte an sie richten. Allein der gute Decan warso gerührt von dem herzlichen Empfange, daß er nichts hervorzubringen vermochte:da bestieg nun ein anderer Priester die Kanzel, nnd hielt eine vortreffliche An-sprache von den Tröstungen, welche Gott denen bereitet, die für die ReligionLeiden und Trübsale erdulden. Die braven Leute weinten vor Rührung, sodaß der Redner inne halten mußte, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.Endlich verließen sie die Kirche, umringten aber den Pfarrer und verließen ihnnicht eher, bis ihm Jeder die Hand geküßt hatte. So wurde der gute Seelsorgerfür mehr als zweimonatliche Gefangenschaft und Trübsal im reichsten Maße durchdie Liebe seiner Psarrangehörigen an einem einzigen Tage entschädigt.
Redaction un» Verlag: vn. M. Huttler. — Druck von I. M. Aleinlc.