Ausgabe 
20 (12.8.1860) 33
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rathen habe, die aber verlachten ihn, und so verzweifelte er und nahm sich dasLeben. Nun frage Dein Herz! Reut es Dich, durch eine unwürdige Kommu-nion Deinen Herrn und Heiland dein Gerichte der Menschen von Neuem, oderempfindest Du Reue, Dich dem ewigen Gerichte überliefert zu haben, wenn Duüberhaupt Reue fühlst? Wie tief Du aber auch in dieser Beziehung unter Judas stehst, in anderer Weise kömmst Du ihm oft völlig gleich. Wenn Dich nämlichdie Welt und die Sünde verlassen haben und Du Deine verkaufte Unschuldzurückfordern willst, und die Welt Dich verlacht und verspottet, dann verzweifelstDu an Dir selbst und, anstatt Trost zu suchen im wirklichen oder auch nur imgeistigen Genusse des hochheiligsten Leibes und Blutes, nimmst Du Dir zwarnicht, wie Judas , das zeitliche, aber doch auch das ewige Leben.

Als Pilatus das jüdische Volk fragte, ob er Christum , den Schuldlosen,oder Barrabas, den Mörder, freigeben solle, schrie die Masse:Den Barrabas gib frei, Christum aber kreuzige!" Und Du, mein Christ! nachdem Christus inDein Herz Einkehr gehalten, wenn die Leidenschaft es wieder heimsucht mitihren Anfechtungen, rufst nicht selten, wenn auch nicht in Worten, doch in Wer-ken:Hinweg mit Christus! an's Kreuz mit ihm! der Sünde aber volle Frei-heit über meine Seele!" Und Christus ist doch rein und schuldlos, die Sündeaber nicht, wie Barrabas , ein Aufrührer gegen irdische Gesetze, ein Mörder desLeibes, sondern ein Empörer gegen göttliche Gesetze, ein Mörder der Seele.

Sieben Todsünden sind es vorzüglich, welche die Sittenlehre als das Ge-präge unserer Hauptleidenschaftcn darstellt. Sie sind: Die Hosfart, der Geiz,die Unkeuschhcit, der Neid, die Unmäßigkeit, der Zorn und die Trägheit. Fürjede dieser Sünden mußte der Erlöser eine eigene Marter dulden. Der Geizberaubte ihn seiner Kleider, die Unkeuschheit geißelte ihn, die Hoffarth drücktedie Dornenkrone auf sein Haupt, gab ihm den rothen Mantel um die Schulterund das Rohr in die Hand. Die Trägheit ließ Jesum selbst das Kreuz aufden Calvaricnbcrg tragen; der Zorn ließ ihn zwischen zwei Missethätern kreuzi-gen, auf daß er in dem Ausrufe:Vater! verzeih ihnen! Sie wissen nicht,was sie thun!" das schönste Vorbild der Sanftmut!) uud Feindesliebe gebe.Neid und Mißgunst zogen dem göttlichen Dulder den Spott eines mitgekreuzigtenVerbrechers zu, der im schadenfrohen Bewußtsein, einen Leidensgefährten zuhaben, seiner eigenen Dualen halb vergaß. Die Unmäßigkeit reichte dem amKreuze Blutenden einen Schwamm, mit Essig gefüllt, als er ausrief:Michdürstet!" Nun, o Christ, würdest Du einem Menschen eines dieser Leiden auchnur innerlich auwünschen, selbst wenn er Dein Feind wäre? Und Deinem Hei-lande, Deinem besten Freunde, wünschest Du nicht nur solche Leiden, sondernDu fügest sie ihm selbst zu, indem Du ihn in Dein Herz aufnimmst und denkaum Aufgenommenen Deiner Hoffarth, Deinem Zorne, oder welcher einer vondiesen Todsünden von Neuem preisgibst.

Du, o moderner Christ, der Du nur alle Sonntage der raschgelescnstenMesse beiwohnst, jährlich nur Ein Mal zur heiligen Beicht und Communiongehst, und Deine Barmherzigkeit nur in wohlthätigen Vereinen und zu mildenZwecken veranstalteten Vergnügungen öffentlich zur Schau trägst, erblicke in Pi-latus das vollkommenste Ebenbild Deiner selbst! Dieser römische Landpflegerwusch sich die Hände und rief:Ich bin unschuldig an diesem Blute!" Er er-kannte die Hoheit und Würde, die Anmuth und Reinheit des Gottmenschen undließ ihn doch zum Tode führen. Und Du, moderner Christ! erkennst nicht auchDu die Heiligkeit und Schönheit Deiner Religion, die Lieblichkeit Deines ge-opferten Erlösers und bleibst dennoch lau, also weder warm, noch kalt? In die-ser Lauheit nun willst Du Jesum in Dir aufnehmen, welcher ein liebeglühendesHerz verlangt. Oberflächlich erforschest Du Dein Gewissen, welchem Du einganzes Jahr Schweigen auferlegt hast, kennst keine Neue über das Böse, keinen