264
Die sterbende Nonne.
* Als eine Nonne, welche wie eine Heilige gelebt hatte, auf dem Sterbe-bette lag, ward sie von einer frommen Mitschwester gefragt, welche wohl die dreischönsten Stunden ihres Lebens gewesen wären.
Die erste — erwiderte sie — war jene, in welcher ich das erste Mal dashochheilige Altarsacrament empfing. Ich fühlte innerlich, wie mein Jesus sichmit mir vereinigte. Denn ich besaß damals ein reines schuldloses Herz, wieniemehr in meinem späteren Leben.
Die zweite glücklichste Stunde war jene, in welcher ich das Gelübde desewigen Gehorsams ablegte. Da wußte ich, daß ich mich nun ganz und unge-theilt meinem Jesus scheuten mußte, wie sich Jesus schon so oft ganz und unge-teilt mir geschenkt hatte im heiligen Abendmahle. Ich begriff, daß mein Lebenvon diesem Augenblicke an ein ununterbrochenes Streben sein müsse nach steter,immer fester werdender Vereinigung mit Jesu.
Ob die dritte, wichtigste Stunde meines Lebens auch die schönste desselbenbilden werde, weiß Gott allein, der Allbarmherzige. Es ist die Stunde meinesTodes, deren Herannahen ich fühle, und ich hoffe und vertraue auf die Gnademeines Gottes, daß sie die Stunde sein werde ewiger und innigster Vereinigungmit Jesu.
Zwei Jungfrauen.
Als man die heil. Euphrasia in ein Haus der Sünde bringen ließ, aufdaß sie dort durch Gewalt verlöre die jungfräuliche Keuschheit, folgte ihr einfrecher Soldat, die Gelegenheit zu nützen. Die Jungfrau war klug; sie hatteein Fläschchcu voll Oel bei sich und sagte zu dem Soldaten also: Mit der Be-dingung, daß du von deinem Vorhaben abstehest, will ich dir ein gewisses Oelgeben; wenn du damit bestrichcn in's Feld ziehst, wirst du von den Feinden nichtverwundet werden können. Und willst du vich von der Kraft des Oels über-zeugen, so sieh meinen Hals, damit bestrichen, mache den Versuch mit deinemSchwerte und zwar mit aller Gewalt. Der Soldat that es und entlud einenStreich, so gewaltig er konnte. Das Haupt der Heiligen sprang vorn Rumpfe,der Leib fiel enseelt zu'Boden, doch die jungfräuliche Reinheit blieb aufrechtstehen und unversehrt. Das war die Jungfran Euphrasia von Antiochia.
*
Aehnlich ist die Geschichte der heil. Digua von Aquiläa. Nachdem Attila, der König der Hunnen, sich diese Stadt unterworfen, wurde die Heilige alsBeute einem Anführer zu Theil, der sie des theuersten Kleinodes berauben wollte,das sie als solches Christo geweiht hatte. Jener befand sich mit den Seinigenin einem Thurm, welcher am Flusse Natizon lag; zur Sünde von ihrem Gebie-ter aufgefordert, ersuchte sie ihn — ohne zu thun, als wenn sie in sein Begehrennicht einwilligen wollte, er möchte mit ihr die höchste Stelle des Thurmes, alsden einsamsten Ort, besteigen. Sie gehen hinauf, und sobald sich dort Dignasteht, da spricht sie zu dem Barbaren sich wendend, der ihr nachkam: Wenn dumich besitzen willst, so folge mir nach! und mit diesen Worten stürzte sie sich indie brausenden Fluthen, wo sie ihre Keuschheit mit dem Tode rettete.
O ihr heiligen Jungfrauen! ihr seid würdig, daß man eurem Muthe zweiewige Denkmale im Tempel der Tugend errichte! Beide seid ihr noch reiner ausder Gefahr für eure Reinheit hervorgegangen — die eine durch Blut, die anderedurch Wasser!
Redaction uu» Dcrlug: Or. M. Huttlcr. — Druck vou I. M. Äleinle.