Ausgabe 
20 (19.8.1860) 34
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heißesten Sommermonaten, December und Januar, von 3 Uhr an erträglich wird.

Von 10 bis 3 Uhr flüchtet sich um jene Zeit Alles in den Schatten der Woh-nungen, die von Palmen, Orangen und andern tropischen Bäumen umge-ben sind.

Auch die lebendigste Phantasie wird befriedigt beim Anblick der wirklichfabelhaften prächtigen Pflanzenwelt und der in dem schönsten buntfarbigen Feder-schmuck prangenden Vogelschwärme, die leider nicht, wie die europäischen, durchmelodischen Gesang erfreuen, sondern nur durch ihr Geschrei und unarticulirtesGezwitscher des Reiters Unmuth reizen. Dazu helfen noch die schreienden schwatz- shaften Papageien und die geschwänzten Waldbewohner, das listige, diebische Volk-lein, die vielartigen Affen. Die Thiere sind nicht so bösartig, als man es nach ^der geographischen Lage des Landes erwarten sollte. Es gibt zwar Schlangenin Unzahl, sehr giftige, worunter besonders die ganz kleine Corallenschlange, die ^7 Fuß lange und armsdicke Schararak, ein boshaftes Thier, dessen Biß selten !Rettung zuläßt, auch andere Arten, die 10 bis 16 Fuß lang sind: aber doch !selten greifen sie den Menschen an, wenn man nicht unversehens auf sie tritt,ja alle fliehen vor ihm. Unsere Deutschen sind gegen sie in unversöhnlichemKampfe, den sie mit Kühnheit und Gewandtheit führen, selbst Kinder und Frauen; ^

die Schlange wird entweder erschossen oder erschlagen. Gefährlicher sind dieSpinnen, deren Biß tödtlich ist. Hätte ich eine gute praktische Naturgeschichte,so könnte ich manche nützliche Beobachtung machen, wohl auch einige Sammlungenanlegen. Ein seltsames Natur-Phänomen waren mir die heftigen Orkane, welcheGewittern vorangehen, so wie die mit starken Regengüssen verbundenen Gewitterselbst. Dabei zucken schreckliche Blitze und fortwährender Donner kracht undrollt, als müßte er die ganze Linie zwischen den zwei Polen durchlaufen. DiesSchauspiel dauert eine ganze Nacht, nicht selten den ganzen Tag, sogar zwei oder ,drei Tage, so daß mir beim ersten Male etwas bange wurde und ich den Aus-bruch eines Erdbebens erwartete, was aber, wie ich höre, in Brasilien völligunbekannt ist.

Die Provinz Rio Grande do Sul, in der unsere deutschen Picaden liegen, >gehört wohl zu den besten des großen brasilianischen Kaiserreiches und das ver-dankt sie gerade diesen Colonien, wo reges Leben und mit Ordnung geleiteteBetriebsamkeit herrscht. Von hier aus wird sich wahrscheinlich die Cultur überdie westlichen Provinzen und noch weiter verbreiten, falls nicht Anarchie denPlan vereitelt. Es ist nämlich unleugbar: nur der schmale Küstenstrich amatlantischen Meer ist cultivirt, der größte Theil des Innern von Brasilien istnoch so gut wie unbekannt und unangebaut. Größtentheils sind es Hypothesenund Phantasien, was man in Büchern europäischer Gelehrten weitläufig überBoden, Beschaffenheit und Produete des innern westlichen Brasiliens liest: dennvielleicht hat es bis jetzt Niemand vollständig bereist, am allerwenigsten jeneeuropäischen Touristen, die sich wohl hüten, auf Maulthieren Monate lang inSümpfen und Wäldern das Innere zu besichtigen, sondern gemächlich in denSeestädten sitzen bleiben, und ihre Feder irgend einer Partei verkaufen, von wo 1aus ihnen dann der Bericht für das Publicum in Europa vordictirt wird.Dreißig bis vierzig Stunden von uns entfernt im südwestlichen Theile dieserProvinz, genannt das Gebiet der A 1>88068 (Missionen), liegen die ehemaligenReductionen, wo die Vater unserer Gesellschaft bekehrte Indianer zu Gemeindenversammelten, und noch bestehen die von ihnen angelegten Flecken: St. Borgia,

St. Maria, St. Stanislaus, St. Gabriel; die schönsten Kirchen jedoch sind ver-fallen und die großen Glocken liegen im hohen Grase der Campos. Dieser ehe-mals wirklich heilige Boden, an dem für uns so theure Erinnerungen haften,wird jetzt von großen Viehheerden abgeweidet und zertreten. Aber auch diesenGegenden scheint Gottes Barmherzigkeit wieder nahe zu sein. An den Gränzen