Ausgabe 
20 (19.8.1860) 34
Seite
270
 
Einzelbild herunterladen

270

Der Gang der Volksbildung in unsern Tagen.

(Schluß.)

Nun tritt die Zeit der Geschäftsbildung ein. Der ganz Arme wird audem Lande Knecht, der Vernachlässigte in der Stadt Taglöhner, der Verwendbarewird Lehrjunge in irgend einem Handwerke, der Federfertige, der sich etwasmehr zu sein dünkt, sucht Schreibcrsdienste u. s. w.

Diese Uebergangsjahre, vom zwölften oder vierzehnten bis zum zwanzigstendes Menschenlebens, sind die entscheidendsten und die gefährlichsten für die Volks-bildung. Die sprudelnde Jugendkraft, die Empfänglichkeit für alles Neue, Schöne,Große, die Unerfahrenheit, selbst das mißverstandene Gefühl für Edelmuth und Opfer-willigkeit sind eben so viele Klippen für tiefer und zarter fühlende Gemüther,deren es im Nährstande auch gibt; als andererseits Stärke und Roheit zu ge-meinen Leidenschaften hinreißen. Ausgebreiteter wird des jungen Mannes Ver-kehr mit der Welt. Ausländer bringen großsprechend in seiner Gegenwart Weis-heit zu Markte, und jedes Wort, jede neue Anschauungsweise prägt tief sich einin das jugendliche, in das nur zu empfängliche Gemüth.

Ein fester Schild, ein eherner Schild gegen jede Gefahr ist unstreitig indieser Uebergangszeit die Religion, die Religion, von der ein höchst ehrwürdigerund Weiser Zeitgenosse*) in einer so Wahrheit- als würdevollen Rede sagte:Sie ist das Wiederanknüpfen des Diesseits an das Jenseits, des sterblichenMenschen an den ewigen, unsichtbaren, außer- und überweltlichen, dreipersönli-chen Gott, keine bloß zufällige Erfindung, keine willkürliche Einrichtung, mit dersich die Welt je nach Laune oder wechselnder Mode beschäftigen, oder deren sichJever , der es wollte, auch ganz einschlagen, oder von der man möglicher Weisegar keine Kenntniß nehmen könnte. Nein! die Religion beruht auf den dringend-sten und allgemeinsten Bedürfnissen der Menschennatur; sie hat ihren nothwen-digen. unverlierbaren Platz im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft."

Religion ist Anbetung, Glaube, Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Gehorsam.Sie ist nach allem Diesem mehr Sache des Herzens, als des Verstandes. Werwollte auch sich anmaßen die Geheimnisse des Herrn, des ewig Unerforschlichenmit seinem Verstände zu ergründen!

Die Keime religiösen Gefühles in das Herz des Kindes zu legen, ist un-streitig die heilige Pflicht einer guten Mutter, die auch alle Ursache hat es zuthun, an jedem Morgen, an jedem Abend, in Leiden wie in Freuden. Sie zubefestigen mit ernsten, frommen Worten, mit Berufung auf die Erfahrungenseines Lebens ist eine leicht zu erfüllende Pflicht des Vaters; denn wer hättenicht, wenn er es nur will, das Walten der Gnade Gottes in seinem Leben beiirgend einem Anlasse, ja bei vielen Anlässen wahrgenommen? Tritt nun einJüngling also vorbereitet in das Leben, so ist er so ziemlich gerüstet gegen dieGefahren, die seiner Denkungswcise und seiner Sittlichkeit nachtheilig werdenkönnten.

Junge Leute, eben in diesem Uebergangsalter, wenn sie einige Fertigkeitim Lesen haben, ergeben sich sehr gern dem Lesen von Unterhaltungsbüchern.Wir können sie nicht anders als Unterhaltungsbücher nennen, weil es gewöhn-lich nur solche sind. Für den ersten Anblick scheint die Sache ganz unschuldig,ja sogar empfehlenswürdig, denn die Schriften werden gewöhnlich unter der Be-zeichnung:classische Werke" angepriesen. Allein was ist die Frucht, welches istder Nutzen solchen Bücherlesens? Die meisten dieser Werke sind von Verfassern,deren Denkungsart und Anschauungsweise mit der uns anerzogenen im Wider-

*) Dr. Joh. Kutschker, Rector-Magnificus der Wiener Hochschule.