spräche steht; ihr Styl ist einnehmend, bestechend, er führt uns irre; die Bilderund Schilderungen, die uns vorgeführt werden, sind blendend; sie erscheinenwahr, aber sie sind es nicht; Tugenden und Laster werden auf die Spitze gestellt,und wir verlieren den richtigen Maßstab für das wirkliche Leben. WelchenNutzen gewährt also solch ein Lesen? Durchaus keinen.
Noch ist aber zu erwähnen, was von dem genossenen Unterrichte verlorengegangen, was verderbt worden ist. Wie viele von tausend Kindern, welche dieSchule besucht haben, können noch lesen, noch schreiben? rechnen können sie wohl,in so fern es das Nothdürftigste betrifft; aber um auf das Wesentlichste zu kom-men, welche Begriffe sind ihnen geblieben von Sittlichkeit und Religion nachdem Verkehre mit einer Welt, die in dieser Beziehung so Vieles wünschen läßt?
Doch nun zum letzten Puncte, znm Verkehr mit sich selbst. Wenn derjunge Mann, der eine früher, der andere später, der Schule entwachsen ist, wennkein Lehrer, kein Lehrherr, kein Vormund mehr über seine Handlungen zu ge-bieten, eine unwiderstehliche Einwirkung auf dieselben zu üben hat, da tritt einGefühl der Unabhängigkeit, der Selbstbestimmung, wie man es gern nennt, ein;und in diesem Zeitpuncte ist der Verkehr mit sich selbst, das Nachdenken überDas, was man ist rind was man geleistet hat, so für sich wie für Andere, vonder größten Wichtigkeit, wird aber, wie aus dem bisher Gesagten sich ergibt, inder Regel gänzlich vernachlässigt.
Ein alter Spruch sagt: „Was du auch 'thun magst, das thue mit Vorsichtund bedenke das Ende." Das Christenthum ermähnt uns, unser Gewissen täg-lich zu erforschen. Die gewöhnliche Lebensklugheit gebietet uns, aus dem, waswir gethan, was wir erfahren, Lehren für die Zukunft zu schöpfen. Ein klugerVater, ein guter Vater wird seine Kinder zeitig anhalten bei Allem, auch demUnbedeutendsten, was sie thun, zu denken; denn es gibt Nichts, wie unscheinbares auch sein möge, das, unbesonnen gethan, nicht von nachtheiligen Folgensein kann.
Dieser Verkehr mit sich selbst, richtig geleitet, ist auch der wirksamste Wegzu einer ersprießlichen Volksbildung.
Das weinende Kind.
* Charfreitag war es, der Todestag unseres göttlichen Heilandes, und einKind vergoß in einer Kirche am heiligen Grabe des Gottmenschen die bitterstenZähren. Ein frommer Priester trat hinzu, und fragte dasselbe: „Warum weinstDu so, meine Kleine!?"
„Ach!" — versetzte das Mädchen —- „Wenn ich bedenke, was mein Heilandfür mich gelitten hat, soll ich da nicht in Thränen ausbrechen?"
„Weine nicht über den göttlichen Mittler, sondern über Dich!" — ent-gegnete der Priester — „denn siehe! schon über achtzehnhundert Jahre ist derMenschensohn am Kreuze gestorben, und nicht nur an seinem Todestage, sondernalle Tage fließen die Thränen der Gerechten und Büßer vor seinem Grabe,seines Opfertodes willen. Du aber bist vielleicht noch kein Jahr todt, und den-noch fließt keine Thräne deinetwillen. Darum weine über Dich und nicht überChristus! Der Heiland und Erlöser bedarf keiner Thräne, denn er ist nach seinemOpfertode eingegangen in die Herrlichkeit seines Vaters. Weißt Du, ob auchDu nach deinem Tode die Freuden der Seligen genießen wirst? Darum weineüber Dich und nicht über Christus! Weine, da es noch Zeit ist! Wenn die Ewig-keit für Dich naht, dann ist es zu spät."