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Mission für die Lebenden geschlossen, so begannen die nun eifrig gewordenenColonisten alsbald am Allerseelentage eine Mission zur Erlösung der Verstor-benen, indem sie 8 Tage jeden Abend auf das Zeichen des Glöckleins, das hellüber die benachbarten Berge und Thäler schallt, mit Gebet das Herz Gotteszu Gunsten der armen Seelen bestürmten, wie sie es einen Monat lang für dieBekehrung der Sünder gethan. Am Allerseelentage haben die Priester in Bra-silien das Privilegium, drei heilige Messen zu lesen. Alle Gläubigen opfertendie heilige Communion für die Verstorbenen auf. Nach der Predigt hieltenwir feierlichen Umgang über den Gottesacker unter Gebet und Gesang; dannzogen wir hin zum heiligen Missionskreuz, unter dem wir nach einem Gebeteum Beharrlichkeit von einander Abschied nahmen.
Tages darauf ritt ich über hohe und abschüssige Berge in das „Jammer-thal," begleitet von einem langen Zuge Reiter und Reiterinnen. Als wir indas tiefe Thal hinabestiegen, kamen uns die frommen Bewohner in Processionsingend entgegen. In einer mit Blumen und Palmen ausgeschmückten Lehm-hütte, die noch nicht vollendet war und künftig als Schule dienen soll, brachteich das hochheilige Opfer dar, bei dem sich von ferne her unsere Deutschen —auch Protestanten im Feierkleide — einfanden. An dem improvisirten ländlichenAltare hatte der fromme Sinn der guten Einwohner wohl alle Bilder undBilderchen zusammengebracht, die sich in der ganzen Picade finden ließen.Nach der heil. Messe schritten wir in Procession zur Einsegnung des Missions-kreuzes, das mit Kränzen umwunden ebenfalls in einem Halbkreise von Palm-bäumen an einem zur Andacht einladenden Orte steht. Daraus folgte die Ein-weihung des Gottesackers und eine Predigt unter dem Friedhofskreuze. Endlichbewegte sich der Zug zum heil. Missionskreuze zurück, wo wir nach andächtigemGebete einander Lebewohl sagten. — Dasselbe geschah Tages darauf in derandern Picade „Wallachei," wo die Bewohner mit vereinten Kräften in heiligerFreude Alles aufgeboten hatten zum Schmucke ihres Missionskreuzes und ein-zusegnenden Gottesackers.
Während der Mission war mein Kämmerlein aus dem Buckerbergc langein Belagerungszustand versetzt, da sich Alle um die wenigen frommen Gegen-stände, Bilder, Rosenkränze, Medaillen, die ich Lei mir hatte, förmlich stritten,besonders aber Männer und Jünglinge um jeden Preis sich einen Rosenkranzverschaffen wollten; ja würdige Männer, die vielleicht in ihrem Leben nie einenRosenkranz angerührt hatten, thaten weite Ritte zu mir oder zu k Lipinski,um einen solchen als Missionsandenken zu erhalten. Hätte ich nur einen großenWorrath solcher Gegenstände, welch große Freude könnte ich diesen guten Leutenmachen; wie leicht und wie oft würden sie sich an die gehörten Wahrheiten unddie gefaßten Entschlüsse erinnern, und wie manche fromme Gebete würden sievor den Bildern und beim Gebrauche des Rosenkranzes verrichten!
Endlich nach sechs Wochen kehrte ich heim. Den Sonntag darauf erschienennach dem Gottesdienste in Masse alle vier Picaden, Gläubige jeden Alters undGeschlechtes, vor unserm Häuslein, wiewohl der Regen in starken Güssen vomHimmel stürzte, um auf alle Weise dem hochw. k. Lipinski für die Wohlthatzu danken, daß er ihnen den Missionair geschickt habe. Während ihre Ab-geordneten eintraten, stimmte draußen das ganze Volk das „Großer Gott, dichloben wir" an, und nachdem sie dreimal laut den Segen des Himmels auf unsHerabgerufen, hörte man sie unter Jubelgesängen zu Ehren der Mutter Gottesvon dannen ziehen.
Das wäre also die erste oder so ein Anfang von Misston unter unserndeutschen Auswanderern, zwar ein sehr bescheidener, wobei nicht, wie in Deutsch-land, 15 oder 20,000 Zuhörer sich einfanden, aber immer doch ein von Gottes Gnade reichlich gesegneter, und ich darf sagen, eine Mission, wie mir noch keine