Ausgabe 
20 (2.9.1860) 36
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dies ein auffallend schöner Anblick, selbe Leim ersten Glockenton Plötzlich anhaltenzu sehen; die tiefste Stille folgt aus den betäubendsten Lärm.

Die spanische Regierung unterhält zur Vertheidigung dieser Inseln zehnRegimenter, welche ganz wie die spanische Armee disciplinirt sind; die Gemeinensind Eingeborne, die Corporäle, Feldwebel und Officiere beinahe durchgängigSpanier; es ist auch ein Lancier-Regiment hier, und zwei Brigaden Artillerie,wovon die eine aus Einheimischen, die andere aus Europäern besteht; um dieInseln kreuzen 5 oder 6 Kriegsdampser, und wir erwarten noch ^ oder 5 an-dere sammt 20 Kanonenbooten.

Mögen aber die Aufgeklärten dieses Jahrhunderts sagen, was sie wollen,die beste Infanterie, Cavallerie und Artillerie bleiben doch die Frailes (dieMönche); sie sind es, welche ven spanischen Namen bei den Indianern beliebtmachen. Einer der würdigsten sagte mir einmal, daß er es allein auf sich neh-men würde, ein Pronunciamento (Volksauflauf) zu ersticken, nur durch dasLäuten der Glocken zu einer Procession in seiner Pfarre, und durch das Aus-stellen der Kirchen-Fahnen an der Kirchenthüre; denn sicher würde der Gedankean eine Procession das Pronunciamento vergessen machen.

Möchten Sie doch, mein Vater, in Paris Nonnen suchen, welche die Er-ziehung der Mädchen unserer Stadt Manilla auf sich nehmen würden; ich glaube,daß sie viel Gutes wirken könnten und Nichts entbehren dürften.

(Schluß folgt.)

Die Landschaft.

6. Mutter! welche köstliche Fernsicht! rief die entzückte Clara, welchevon Frau Ellen auf einen Berg geführt worden war, und von ihrem erhöhtenStandpuncte aus die Gegend bewunderte.

Warum gefällt Dir diese Fernsicht so außerordentlich?

Warum? Ich weiß es selbst nicht, liebe Mutter! Einmal ist mir, alsob ich alles Schöne in einem Ueberblicke zusammenfaßte, und dann meine ichwieder, es fehle noch Etwas, ohne eigentlich zu wissen, was. Ach, so viele Ge-gensätze bieten sich dem Auge, und doch: welche Einheit!

Siehe, mein Kind! Dir gefällt diese Ansicht so sehr, weil sich, Dir selbstunbewußt, in diesem Bilde der Natur ein Bild des menschlichen Lebensausprägt.

Wie so dies?

Sagtest Du nicht, Du meintest alles Schöne in einen Ueberblick zusammen-zufassen, und doch fehle diesem Alles immer noch Etwas? Was wolltest Du mitdieser Aeußerung andeuten.

Mutter! mir gefällt es so sehr, daß alle Theile dieser Landschaft: derdüstere Wald, der schlängelnde Bach, das freundliche Dörfchen gleichsam einin sich abgerundetes und vollendetes Gemälde ausmachen, und daß dies Gemäldealle denkbaren Naturschönheiten in sich aufnimmt. Darum meine ich, allesSchöne in Einen Blick zusammenzufassen. Wenn ich aber frage, was liegthinter diesem Dörfchen, hinter diesem Walde, das meinem Auge unzugänglichist; so dünkt mir wieder: das Gemälde sei nicht abgeschlossen, sondern nur ein-geschränkt, und diesem Alles müsse noch Etwas, noch sehr Vieles fehlen.

Und der Mensch? Betrachte selbst den Glücklichsten oder Tugendhaftesten!Vor Dir glaubst Du einen Sterblichen zu gewahren, dessen irdische oder inner-liche Vollkommenheit unübertrefflich, in sich abgerundet scheint. Allein könntestDu Deinen beschränkten Geisteskreis erweitern bis in's innerste Innere dieses Sterb-