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lichen: was ruht hinter diesem Abglanze von Glück oder Tugend verborgen: viel-leicht ein noch stilleres, erhabneres Glück, eine noch vollendetere Tugend, ewigunerreichbar dem körperlichen oder geistigen Auge des fremden Beschauers? —Doch was entzückte Dich noch ferner an diesem landschaftlichen Gemälde?
Der Wald, aus dessen düsterem Hintergründe nur um so mehr das freund-liche Dörfchen sich hebt.
Erkenne hierin den Gegensatz von Schatten und Licht! Er drückt sich immenschlichen Leben aus durch die Nacht der Trauer und den Tag der Freude.O mein Kind! Eine nur sonnige Landschaft blendet und ermattet, eine blosschattige Gegend aber verdüstert daS menschliche Auge, wenn anderes Licht ohneSchatten, oder Schatten ohne Licht denkbar ist. Nur Glück würde das mensch-liche Herz zur hohlen Ueppigkeit, nur Schmerz zur dumpfen Verzweiflung brin-gen. Der weise Wechsel aber von Lust und Harm erhält die Seele in jenemGleichgewichte, welches so wohlthuend auf das eig'ne Herz, wie auf das fremdeAuge wirkt. — Sprachst Du nicht auch vom schlängelnden Bache? — —
Ja, liebe Mutter!
Siehe nun, der Bach versinnbildet die Bewegung, das Schlängeln diesanfte, gemäßigte, erquickende Bewegung als Gegensatz der Ruhe, welche dasfreundliche Dörfchen, der düstere Wald darstellen. Wie in dieser Landschaft, soist es auch im Leben des wahrhaft glücklichen Menschen. Wie dort augenla-bende Bewegung mit Ruhe, so wechselt hier still und sicher wirkende Thätigkeitmit süßer Erholung.
Allein wäre der Anblick eines stürzenden Gießbaches nicht erhabner?fragte Clara.
In dieser Ladnschaft schwerlich. Sie gewährt uns den Gesammteindruckeiner glücklichen, mildsriedlichen Gegend, in welcher alles Rauschen und Tobenein störender Mißklang wäre.
Aber die Anwendung hievdn auf's Leben des Glücklichen?
Sie liegt im Wesen des Glückes. »
Worin besteht das Glück?
Im Frieden.
Und der Frieden?
In einer Thätigkeit, welche von Mäßigung und Ueberlegung beherrschtwird. Eine sich überstürzende Thätigkeit: würde sie Wohl schaffen oder zerstören?Und wäre sie die Aeußerung eines gesunden, im Gleichgewichte sich haltendenCharakters?
Nein, meine Mutter!
Noch Etwas, Clara! Du hast bisher nur abwärts geschaut. Willst Duein erschöpfendes Gesammtbild der Landschaft in Deine Seele prägen, dann mußtDu auch aufwärts blicken. — Was gewahrst Du da!
Den blauen klaren Himmel.
Wie dieser die Krone des landschaftlichen Gemäldes, so ist der gläubigeund zuversichtliche Blick gegen den Himmel der schönste Trost, die heiterste Freudedes wahrhaft glücklichen und tugendhaften Menschen. Ja, Landschaft und Menschversänken ohne diesen Himmel und ohne die Hoffnung auf ihn in undurchdring-liche Nacht und verzweislungsvolle Trübsal.
Warum ist indessen der Himmel blau? Er könnte ja roth sein, GottesLiebe, oder grün, des Menschen Hoffnung auf diese Liebe anzudeuten.
Er hätte also eine rein göttliche, oder rein menschliche Beziehung. Durchdie blaue Farbe hingegen vereinigt er beide Beziehungen in ihrem wahrsten undanschaulichsten Verhältnisse zu einander.
Wie das?
Blau ist die Farbe der Treue und Zuversicht. Die Treue bezeichnet die