Ausgabe 
20 (2.9.1860) 36
Seite
286
 
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menschliche Macht mehr helfen konnte. Auch der Kranke sah ein, daß sein Endenahe sein müsse, und als man endlich ihm dieß mit deutlichen Worten sagte,konnte er einen Ausruf der Freude nicht zurückhalten. Man leidet spracher zu seinem Arzte mit einem Ausdruck den man nicht schildern kann manleidet, aber nach dem stirbt man! Und sein Antlitz strahlte vor Heiterkeiund Gottesliebe. Sechs Wochen lang litt er unsäglich und ohne Unterlaß; mankonnte sagen, er sei während dieser ganzen Zeit jeden Tag und jeden Tagmehrere Male gestorben. Er war dem Ersticken nahe, der Athem fehlte ihm unddoch kein Gedanke an sich selbst, keine Klage, kein Zeichen der Ungeduld, dasihm entschlüpft wäre! Er verwendete diese ganze Zeit, um für die Kirche, fürFrankreich , für die ihm so theure, so bewundernswürdige und doch so viel ver-kannte Gesellschaft Jesu , um für alle jene in der ganzen Welt zerstreutenSeelen zu beten, die er für die Gnade wieder gewonnen und mit Gott ver-söhnt hatte.

Indeß veminderten sich seine Kräfte von Tag zu Tag, und die Stunde desScheidens nahte sich sichtbar. Donnerstag den 25. Februar In der Abendzeitverkündeten allzu sichere Vorzeichen das nahe Ende. Gegen 11 in der Nachtbetrat der k. Superior des Jesuitenhauscs in der Straße Sevres die Zelle desSterbenden, um ihn für den großen Schritt vorzubereiten. ?. Ravignan lagauf seinem ärmlichen Krankenbette erschöpft, leidend, betend. Der Superior gabihm zu verstehen, daß der Augenblick seines Todes herannahe und daß das Opferseiner Vollendung entgegengehe. Auf diese Nachricht ward der Kranke nachdenk-lich und schwieg einige Augenblicke.Was ist Ihnen, mein guter Vatersprach der Superior zu ihm sollte ich Sie schmerzlich berührt haben, daich Ihnen diese Ankündigung so unvorbereitet und rasch machte?"O nein!mein Vater entgegnete der fromme Ordensmann, indem er die Augen zumHimmel erhob> aber es scheint mir, als ob ich noch nicht genug gelittenhabe." Als ihm der Superior sofort sein Ende als gewiß ankündigte, er-widerte der Sterbende:O um so besser, um so besser! Wie gut ist Gott ,ich hatte die Hölle verdient und stehe da, er gibt mir das Paradies."WelchesFest feiern wir Morgen?"Das Fest der Wunden Christi."Das offeneHerz Jesu; welch' schönes Thor, um in den Himmel zu gehen" rief U. Ravignanfreudig aus.

Als der Provinzial ihn Tags zuvor etwas gefragt hatte, hatte er ge-antwortet:Ich bin sehr angegriffen?' Aber so ganz erfüllt war sein Geist vonGeduld und Selbstverleugnung, daß er sich dieses einfache Wort als Fehler an-rechnete, und, da er eine halbe Stunde vor seinem Tode den k. Provinzial inseine Zelle treten sah, alle seine Kräfte aufraffte, um ihm mit vernehmlicherStimme zu sagen:Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Vater, wegen desWortes, das ich gestern Abends gegen Sie ausgesprochen."

Gegen Mitternacht sagte ihm der Superior, er wolle ihm jetzt die Ab-solution geben und ihn der Früchte des Jubiläums theilhaftig machen, das diePariser Erzdiözese feiere, k. Ravignan sammelte sich vollkommen, machte einesvon jenen Kreuzeszeichen, die voll Majestät und Kraft bei ihm eine ganze Pre-digt waren und sprach, seine abgemagerten Hände mit Innigkeit faltend, ineinem Tone voll erhabener Demuth:Mein Gott, ich bitte Dich um Verzeihungfür alle Beleidigungen in meinem Leben." Nachdem hierauf die entsprechendenBedingniffe jerfüllt waren, sagte der Superior:Damit Sie Ihren Jubiläums-Ablaß gewinnen und die vorgeschriebenen Kirchenbesuche ersetzen, küssen Sie dasKreuz." Der Sterbende drückte seine Lippen mit Inbrunst auf dasselbe.Undjetzt, mein Vater, um die Fasten einzubringen, weihen Sie Gott das OpferIhres Lebens."Von ganzem Herzen." Nach diesen rührenden und er-habenen Worten begann man das Sterbgebet, ,dem U- Ravignan bis zum Ende