Ausgabe 
20 (2.9.1860) 36
Seite
287
 
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mit vollständig bellem Bewußtsein folgte. Gegen den Schluß dieses Gebetesbemerkte der U. Superior, daß der letzte Augenblick gekommen sei; er hielt dasBild des gekreuzigten Heilandes vor die Augen des Sterbenden, der es unver-wandt betrachtete, drei leichte Seufzer ausstieß und im Frieden des Herrn ent-schlief. Es war der 26. Februar um halb zwei Uhr Morgens.

So verließ die große Seele des U Ravignan ihre sterbliche Hülle unddiese Welt der Schmerzen, um einzugehen in den Besitz der göttlichen Liebe.Aber man konnte sagen, sie habe zuvor noch ihren Eindruck im Körper zurückgelassen,so sehr spiegelte sich im Antlitz des großen Todten seine Heiligkeit, sein Glaubeund jene kraftvolle und überzeugende Milde wieder, die ihm Aller Herzen ge-wonnen. Drei Tage lang war die Hülle des Seligen der Betrachtung undVerehrung einer unzähligen Menschenmenge ausgesetzt, auf seinem Todenbetteliegend, im Ordensgewand, in seinen gefalteten Händen ein Kruzifix auf'sHerz gedrückt, und der Ausdruck seiner Züge war so schön und so fromm, daßman glauben konnte, er wolle den Mund öffnen, um von Gott zu sprechen.

So stirbt man in den Orden der Jesuiten und Redemptoristen ;setzen wir bei: auch wie diese beiden Männer U. Ravignan und l'. Passeratihr Leben hinbrachten, so bringen es sämmtliche Mitglieder genannterOrden hin, d. i. Gutes wirkend in einem Maße, das nur durch die Schmähun-gen und Beleidigungen der Gottlosen und jener Armen überboten wird, die dabeinicht wissen, was sie thun. Sollte man aber vernünftiger Weise, statt dieseOrden zu hassen, zu verlenmden und zu bekämpfen, nicht vielmehr wünschenund mit allen Kräften dahin arbeiten, daß sie sich allenthalben immer weiterausbreiten, damit auch Andere und recht Viele durch sie die Kunst lernten,recht zu leben, und die Kunst der Künste, selig zu sterben?

Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle.

Es war einmal ein alter Griesgram. Diesem ging's wie es alten Menschenzu gehen pflegt, er erkrankte und starb. Während seiner Krankheit beeilten sichNeffen und Nichten, Vettern und Basen, deren Zahl Legion hieß, ihn mit derzärtlichsten Sorgfalt zu umgeben. Der gute Alte war nämlich Wittwer, er hattekeine Kinder und besaß ein namhaftes Vermögen.

Doch diese Zudringlichkeit war nicht von sehr langer Dauer. Gleich inden ersten Tagen seiner Krankheit ließ er alle Erben zu sich rufen und hieltihnen folgende Rede:Ich habe euch alle sehr gern, meine lieben Freunde;allein sehet, ich befinde mich nicht wohl, weswegen es mir lästig ist, so vieleMenschen stets um mich her versammelt zu sehen. Mein altes, gutes Lieschen,die ja meine Bedürfnisse weiß, möchte ich allein bei mir behalten. Denn damitsich Niemand von euch bevorzugt glaube und jeder Eifersucht zuvorgekommen sei,so darf Keines von euch bei mir bleiben."

Da war's ein Jammer und Wehklagen unter den Vettern und Basen.Jeder betheuerte, er könne ihn nicht verlassen, er stände ganz zu seinem belie-bigen Dienste.Ich hab's schon gesagt," erwiderte der Alte,ihr seid mir zurLast, macht mich nicht überdrüssig; fort, laßt mich allein! Wer sich untersteht,auch nur noch ein Mal vor meinem Angesichts zu erscheinen, der wird von derListe meiner Erben gestrichen. Verlaßt euch daraus!"

Das war getroffen, ein wahres Zauberwort. Keiner hätte mehr gewagt,zu Widerreden und seine Pflege anzubieten. Still und ruhig zogen sie sich zurückin ihre Wohnungen, wie die Schnecke in ihr Häuschen. Um aber beim HerrnOheim nicht in Vergessenheit zu kommen, so unterließen sie nicht, jeden Tag sichbei Lieschen nach seiner GesE^t zu erkundigen.