Doch eine der Nichten des Alten, ein junges, schlichtes, offenes Mädchen,Maria mit Namen, war bei jener Familien-Versammlung nicht zugegen gewesen.Bei ihrer Ankunft ging sie geraden Weges zu ihrem Oheim. Obschon sie vondessen Willen in Kenntniß gesetzt ward, so war doch kein Schwanken in ihremEntschlüsse zu gewahren. Sie nahm ihre geringen Habseligkeiten unter denArm und verlangte dreist von dem Oheim, daß sie bei ihm wohnen dürfe.„Geh mir doch aus den Augen," sprach der Alte, „ich will allein sein. Weißtdu denn nicht, was ich allen Vettern und Basen befohlen habe? Willst du dichdenn durch deine Widerspenstigkeit von meiner Erbschaft ausschließen?" — „Ichweiß das alles ganz gut, mein lieber Oheim, aber was liegt mir denn an ihrerErbschaft? Ich will, daß sie gesund werden; dies, und dies allein liegt miram Herzen. Sie sind krank, ihre Magd ist alt und schwach; meine Pflege istalso nicht ganz zu verschmähen. Sollten sie mich auch enterben; gilt gleich, hierbleib ich!"
Was ein Weib will, das will's. Uebel oder wohl, der Oheim mußteMaria bei sich behalten.
Sechs Monate nachher starb der gute Mann, trotz aller Sorgfalt des liebens-würdigen Kindes. Jetzt liefen die Verwandten, höhnisch lachend über die Gut-müthigkeit der Maria, znm Notar, in der Hoffnung, den Lohn ihres Gehorsamszu erhalten. Wie groß war aber ihr Erstaunen, als sie Einsicht von dem Testa-mente nahmen, das in folgenden Worten abgefaßt war: „Da ich mein Vermögennur demjenigen meiner Verwandten hinterlassen woFte, der mir einen untrüg-lichen Beweis seiner Liebe gegeben hätte , so unterwarf ich sie einer Prüfung,durch welche die Beschaffenheit ihrer Gesinnungen an den Tag treten würde.Die Gleichgültigkeit, die sie alle, mit Ausnahme der kleinen Maria, für meinePerson hatten, gab mir zu erkennen, daß sie mehr an meinem Vermögen, alsan mir selbst hingen. Maria allein hat meinem scheinbar sich widersetzendenWillen Trotz geboten; bis znr letzten Stunde hat sie mir beigestanden und michmit kindlicher Hingebung gepflegt. Sie allein soll auch die Erbin meines ganzenVermögens sein."
Jetzt wurde geflucht und geschworen! In ihrem Innern gaben sie doch demOheim das Zeugniß, daß er kein Narr war, und dachten an das Sprüchwort:„Thue, was recht ist, geschehe dann, was wolle." Dies ist auch in der Thatdie einzige Lebensregel für den rechtschaffenen Mann, die tngendsame Frau undbesonders den wahren Christen. Denn Jesus Christus hat zu Allen gesagt:Suchet zuerst das Reich Gottes (das heißt, die Wahrheit und Gerechtigkeit), undalles^ Uberige wird euch hinzugegeben werden."
Gebet znm heil. Aloifins.
(Für Kinder.)
Jesu, bleib in meiner Seele,Halte mich von Sünden frei,Mach, daß ich nur Gutes wähle,Und dereinst ein Engel sei;Schütze mich in Leibsgefahren,Laß die Unschuld mich bewahren,Aloisi, Aloist,
Aloisi, steh mir bei!
Redaction un« Verlag:
Ilr- M. Huttlc.r.
von I. M. Kleint.c.