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Der Herr Pfarrer hat gesagt, daß unser Gebet wie auf Adlersflügeln zuGott empordringen soll. Ich möchte ein Adler sein, wenn ich bete.
Sage das nicht und begnüge Dich mit dem Jubelopfer der Lerche!
Und weßhalb!
Du wirst dies Weßhalb begreifen, wenn wir die Natur der Lerche, wie desAdlers betrachten. Wodurch unterscheiden sich beide am augenfälligsten?
Der Adler ist groß, die Lerche klein.
Du willst also vor Gott groß sein. Weißt Du denn, ob Du nicht klein,vielleicht ein Garnichts vor ihm bist? Gehen wir zum Aufenthalte beider Vogelüber! Wo hat der Adler seinen Horst?
Auf hohen Felsen, in unwirthbaren Gegenden.
Und die Lerche ihr Nestchen?
In Feld und Wald, leicht zugänglich dem Menschen.
Siehe! wie die Wohnungen dieser Vogel, so sind auch die Herzen jenerMenschen beschaffen, welche im Emporschauen zu Gott dem Adler, oder derLerche gleichen. Das Herz des Adlermenschen ist verschlossen, unzugänglich denSchwächen seines Mitbruders, abgelenkt von allem Irdischen, was auch demBestgesinnten, aber doch der Welt Anhängenden Leid und Freude bringen könnte.Das Herz dieses letztern hingegen strebt zwar nicht so hoch, aber doch auch zuseinem Schöpfer empor. — Begreifst du jetzt, warum der Adler so hoch, so sicherfliegt, die Lerche aber in niedern Kreisen emporschwebt?
Weil der Adler zu seinem Horste auswärts fliegt, die Lerche jedoch vonihrem Nestchen sich erhebt.
Getroffen, mein Kind! Es kann Herzen geben, welche, wenn sie beten,gleichsam in ihre Heimath eingehen. Keine Sorge für's Irdische beunruhigt siemehr. Die bittersten Entbehrungen tragen sie freudig Gott zu Liebe. SolcheGottesfürchtige empfinden durch ihr tief inbrünstiges Gebet den Vorgenuß derzukünftigen Heimath für uns Alle schon in der Gegenwart, des Himmels hierauf Erden. — Andere aber, welche süße Bande an's Irdische fesseln, könnenzwar auch brünstig und innig zu Gott beten, aber nur allmälig, wie die Lerche,reißen sie sich von ihrer irdischen Heimath los, versetzen sich nie ganz so tief injenen seligen Vorschmack, weil sie, bildlich gesprochen, die so hoch fliegen, wie derAdler. — Wie schwingt sich die Lerche empor?
Anfangs in engem und niederm, dann in stets weiterm und höherem Kreise,bis sie ihren Ausflug nimmt.
So auch, mein gutes Kind! jene Herzen, welche wir der Lerche vergleichen.Nicht plötzlich, wie der Adler, nur durch allmälige Angewöhnung und häufigeUebung reißen sie sich vom Irdischen los. — Worin aber beschämt sie der fröh-liche Liedersänger?
Wie seinen Ausflug, so auch nimmt er umgekehrt seinen Niederflug.
Und der Mensch, oder wenigstens die meisten Menschen?
Mutter! Darf ich die Hand auf's Herz legen, so muß ich bekennen, esbedarf lange, sehr lange, bis wir uns in andächtige Stimmung versetzen; alleinim Nu kehren wir zu unsern irdischen Gedanken zurüü. — Wie hoch nun fliegtdie Lerche und wie hoch der Adler?
Der Adler, liebe Clara! erhebt sich in den Aether, d. h. in den reinstenLuftkreis, während die Lerche im Dunstkreise der Athmosphäre bleibt.
Doch die Bezugnahme dieses Gleichnisses aus den Menschen?
Sie liegt nahe. Der eine Beter erhebt seine Seele in jene Höhe, wonichts Irdisches mehr bestehen kann; der andere streift nie, selbst nicht im brün-stigsten Gebete, die Liebe zum Irdischen ganz von seinem Herzen ab. — Woringlaubst Du, daß diese Liebe bestehen dürfe?
Ich weiß es nicht.