Der Hinblick auf die Lerche wird Dir's sagen. — Wovon reißt sie sich los?
Von ihrem Nestchen.
Wer wohnt darinnen?
Ihre Jungen.
Welche Liebe zum Irdischen darf also dem Gebete seinen rein göttlichenCharakter nehmen, von diesem hinwiederum die Weihe ihrer Heiligung empfangen?
Kindesliebe, Elternliebe.
Nur diese?
Ich glaube: die Liebe zu allen Menschen.
Du glaubst das Wahre. Lerche und Lerche lieben sich gegenseitig auchohne Familienbande. — Der Mensch sollte sich beschämen lassen?
Mutter! Jetzt möchte ich eine Lerche sein.
Und weßwegen.
Die Lerche singt so hübsche Lieder, der Adler erhebt ein unheimliches Geschrei.
Setze hinzu: vor den menschlichen Ohren. Was dem göttlichen Ohre wohl-klingender, oder ob ihm beides nicht gleich angenehm ist, wissen wir nicht.
Wie soll ich das verstehen?
So geht es mit dem Gebete des Menschen. Wer noch an der Erde undihren schuldlosen Freuden hängt, mag den Menschen ein wohlgefälligeres Vorbildsein. Wer aber mehr Gnade gefunden vor Gott : ob dieser, ob sein nur frommenUebungen lebender Mitbruder; darüber dürfen wir nicht richten, aus daß auchwir nicht gerichtet werden.
Die christliche Mutter.*)
Der Herr ward von Mitleid über sie gerührt undsprach zu ihr: „Weine nicht!" Luk. 7, 13.
Wir wundern uns nicht, Geliebte, daß die Wittwe von Naim bittereThränen weinte, als sie dem Leichenzuge ihres einzigen Sohnes folgte; wirWundern uns nicht; denn über die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde — zu-mal zu ihrem einzigen Sohne, geht keine Liebe, darum ist auch der Schmerzeiner Mutter über den Tod ihres einzigen Sohnes der höchste natürliche Seelen-schmerz. Wir- finden deßhalb gerecht diese Thränen der Wittwe zu Naim undkönnen uns leicht auch denken, wie groß, wie innig ihre Herzensfreude gewesen,als der Herr über Leben und Tod vor der Leiche ihres Sohnes das allmächtigeWort gesprochen: „Jüngling, ich sage dir, stehe auf!" Wir können uns denken,wie herzlich sie dem lieben Gott gedankt, als der belebende Ruf des Heilandesden im Tode verlorenen Sohn ihr wieder zurückgegeben — als dieser sie wiederals seine liebe Mutter begrüßte!
Doch — gibt es denn für die Menschenkinder nicht noch einen andernTod, der tausendmal mehr zu beklagen ist, als ihr zeitlicher, ihr leiblicher Tod;gibt es kein anderes Leben, das tausendmal höher angeschlagen werden muß,als das irdische Leben, das Leben in der Hülle des Körpers? Ach — Geliebte! Werim Solde der Sünde steht, dessen unsterbliche, für Gott geschaffene Seele ist gleich-falls gestorben; wer die heiligmachende Gnade verloren und den Leidenschaftendient, dessen Seele ist auf Erden schon todt für den Himmel. Das ist der zweiteTod — bei lebendigem Leibe; das ist die ewige Trennung von Gott, die zubeweinen selbst ein Thränenmeer nicht Thränen genug bieten könnte. Indeß —es gibt auch ein zweites Leben, es gibt ein Leben der heiligmachenden Gnade;
*) Predigt, gehalten am Feste der heil. Monika von G- M. R.