Ausgabe 
20 (16.9.1860) 38
Seite
299
 
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würde die Kirche ihren hohen Beruf vergessen, das Heil der Seele zu Wirten.Gleich undenkbar ist in irgend einer kirchlichen Einrichtung eine wahrhafte Ver-nachlässigung, ein wirkliches Schadennehmen des Leibes zu Gunsten der Seele.Denn sonst wäre der Satz unwahr, daß die leibliche Wohlfahrt sich ausschließlichgründe aus das geistige Heil.

Die katholische Kirche sorgt 2) für das leibliche Wohl in steter Ueberein-stimmung mit den Anforderungen der menschlichen Vernunft, ja, sie erweitertdas Maß dieser Forderungen, unterstützt und ermöglicht ihre Erreichung.

Die katholische Kirche erweitert das Maß der Anforderungen der mensch-lichen Vernunft. Die Vernunft lehrt Mäßigkeit im Genusse des Erlaubten, diekatholische Kirche jedoch preist die Tugend der Versagung selbst eines erlaubtenGenusses. Wer nun ist unabhängiger in der Welt: der mäßig Genießende mitwenig Bedürfnissen, oder der dem Genusse Entsagende mit noch geringerem Be-dürfe? Wessen Körper mag der kräftigere sein: der Körper dessen, welcher,wenn auch in mäßigem Genusse, Bequemlichkeit und Wohlbehagen, die Quelleder Verweichlichung, liebt, oder jenes Menschen Körper, der abgehärtet ist inEntbehrungen jeglicher Art?

Die katholische Kirche unterstützt uns, ermöglicht es uns, den Anforderun-gen der menschlichen Vernunft zu genügen. Die Vernunft des Weisen sucht dieirdische Glückseligkeit nicht im Genusse, sondern in den wohlthätigen Wirkungeneiner im ruhigen Gleichgewichte sich befindenden Seele auf den Körper und alleäußern Lebensverhältnisse. Die Vernunft befiehlt also, jegliche Leidenschaft zubekämpfen, weil sie dies Gleichgewicht stört und seine segnenden Wirkungen ent-fernt. Die katholische Kirche nun kennt des Sterblichen unzulängliche Kraft zudiesem Kampfe und vermittelt dem Menschen göttlichen Beistand.

Warum aber sind alle diese aufgeführten Vorzüge nur im Geiste der katho-lischen Kirche gelegen? Ferne sei es von uns, anderen christlichen Religions-Gcnossenschaften manche Vorzüge für das Zeitliche abzusprechen. Allein solcheVorzüge haben diese Religionsgemeinschaften bei ihrer Lostrennung von derkatholischen Kirche mit hinüber genommen in ihre neu begründete Genossenschaft,z. B. die segensreichen Wirkungen des Gebetes für zeitliche Angelegenheiten,soferne wir im Geiste der Demuth, des Gehorsams und der Genügsamkeit beten.Bei allen jenen kirchlichen Einrichtungen aber, welche von andern christlichenGenossenschaften abgeändert oder gänzlich verworfen sind, erstrecken sich die schäd-lichen Folgen dieser Abänderung oder Nichtanerkennung nicht nur auf das gei-stige, sondern auch auf das leibliche Wohl der Menschheit. Betrachten wir z. B.die schädlichen Folgen der Auflösbarkeit der Ehe, welcher die Protestanten hul-digen, auf Staat, Familie, Vermögen! Haben aber solche Genossenschaften Ein-richtungen mit schädlichen Wirkungen auf einzelne zeitliche Verhältnisse, so tragensie eben nicht den gesammten Bedürfnissen der Zeitlichkeit genügsame Rechnung.Diese mangelhafte Sorge für das Leibliche entspringt aus der mangelhaftenSorgfalt für die Seele, und es muß als nothwendiger Gegensatz bei der katho-lischen Kirche aus der allumfassenden Sorgfalt für das Geistige auf die allum-fassende Sorge für den Leib geschlossen werden.

Wie viele Segnungen kennt nnn die katholische Kirche für das leiblicheWohl? Sie sind unzählbar. Wie ist ihr Einfluß beschaffen aus das Zeit-liche? Ihr Einfluß kann unmittelbar oder mittelbar sein. Der Einfluß istunmittelbar, wenn die Einrichtung neben der geistigen auch noch eine leiblicheWirkung bezielt. Dies finden wir bei der vierten Bitte des Gebetes des Herrn:Unser tägliches Brod gib uns heute! Hier bitten wir erst um das Brod desewigen Lebens und dann um die Nahrung für das zeitliche Leben. Der Ein-