Ausgabe 
20 (16.9.1860) 38
Seite
300
 
Einzelbild herunterladen

300

fluß ist mittelbar, wenn nicht neben, sondern aus der geistigen Wirkung eineleibliche bezielt wird. Die siebente Bitte desselben Gebetes: Erlöse uns vondem Uebel! zeigt dies deutlich: Das Uebel ist der Tod der Seele, welcher vonder Sünde hervorgerufen wird. Wir bitten also um gnädige Verschonung vomTode der Seele, und nur vom Leben der Seele in Jesu hängt die Verherrlichungab unsres Leibes nach seiner Auferstehung. Hier also die erste trostreichsteWirkung zwar nicht für das Zeitliche, aber doch für den Leib, welche aus derErhörung dieser Bitte für die Seele fließt. Ferner: der Tod für die Seelekann nicht nur Lurch die Beharrlichkeit im Bösen bewirkt werden, sondern auchdurch das plötzliche Hinsterben in der Sünde. Diese Bitte bezielt also auch dieVerschonung von einem jähen Tode. Hier also die zweite für die Zeitlichkeithöchst wichtige Folgerung aus einer Bitte für das Geistige.

Nur noch einige der zahllosen Segnungen für das Zeitliche, welche diekatholische Kirche über ihre Kinder ausbreitet:

1) Das Gebet. Gott hat die Erde erschaffen, auf daß sich der Menschdurch weisen Gebrauch ihrer Früchte freue und veredle. Wir werden also Gottum die Gewährung irdischer Dinge zu diesem Zwecke bitten dürfen. Mit diesemSchlüsse der menschlichen Vernunft stimmt die Lehre der katholischen Kirche überein. Gott will, daß wir ihn um das bitten, was wir brauchen, und, dawir auch Zeitliches bedürfen, sollen wir auch um das Zeitliche bitteu. Unsertägliches Brod gib uns heute! hat uns Jesus selbst beten gelehrt. Damit wirnun auf die rechte Weise das Rechte von Gott erflehen möchten, .hatte die katho-lische Kirche sowohl bezüglich unserer himmlischen, wie uns'rer irdischen Angelegen-heiten zu verschiedenen Zeiten, wie an verschiedenen Orten verschiedene öffentlicheGebete oder Antachtsübungen eingeführt oder gebilligt. Wer kennt nicht die Bitt-woche, die Maienbetstunden, in welchen wir Gott für das Gedeihen der Feld-früchte anflehen? In der Litanei zu allen Heiligen bitten wir Gott gleichfallsum das Gedeihen der Erdfrüchte. Bei Krieg, Hungersnoth, ansteckender Krank-heit und dringender Gefahr werden: allgemeine Andachten abgehalten; dasrührendste Gebet in theilweise irdischer Angelegenheit aber ist das allgemeineGebet für einen schwer Erkrankten.

2) Eine gleich wichtige Segnung, vorzüglich dem Gebildeten zu empfehlen,ist die Betrachtung. Wenn selbst der unbedeutendste Gegenstand der Natur oderKunst zu den lehr- und trostreichsten Gedanken anregen kann, so muß dies umso mehr bei den erhabenen Geheimnissen der katholischen Religion der Fall sein.Gott selbst hat uns auf das Feld der Betrachtung geführt, indem er gerne inGleichnissen redete und lehrte. Wenn nun in diesen Gleichnissen von irdischenDingen die Anwendung gemacht wird auf das Göttliche, so muß folgerichtig dieBeziehung göttlicher Geheimnisse oder heiliger Begebenheiten auf irdische Ange-legenheiten gestattet sein. Was könnte beispielsweise der für Gesundheit undVermögen so verderblichen Modesucht besser steuern, als der häufige geistige Hin-blick auf den rothen Mantel, welcher den göttlichen Dulder umhüllte? Siehe,v Reicher! Deinen Heiland Wider Willen gekleidet in ein Gewand der könig-lichen Farbe, verspottet in diesem Anzüge, dann jeglicher Hülle beraubt und an'sKreuz genagelt. Du kleidest Dich mit Freuden in die kostbarsten Stoffe undFarben, die Aller Augen auf Dich locken müssen. Glaubst Du nicht, daß dieAnhänger der Welt Dir nur eine wohlgefällige Miene zeigen, Dich aber imHerzen beneiden, zu verderben suchen, Dich innerlich verhöhnen, wie sie Jesumäußerlich verspottet haben? Siehe die Bosheit der Menschen, oder die prüfendeHand Gottes entkleidet Dich des blendenden Flitters. Nackt und elend wirstDu an's Kreuz der öffentlichen und herzlosen Meinung geschlagen. Würdeeine solche Betrachtung Eingang finden in den Herzen der Vornehmsten und