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der Verdummung, über welches man staunen muß. Ein Beispiel davon ge-ben wir in Folgendem. Versmann , Prediger an der Stiftskirche zu Jtzehoeund Vorkämpfer des Lutheranismus und als solcher auf dem letzten Landtageebenfalls gegen die Beschwerden der Katholiken, gibt ein Kirchenblatt heraus,in welchem er die aberwitzigsten Dinge über den Katholicismus vorbringt, undLoch glaubt der Herr, ein sehr gelehrter Theologe zu sein. Eine katholischeLehrerin bekam eines Tages das Blatt zufällig in die Hand. Entrüstet überdiese, wie sie glaubte, Böswilligkeit — sagen wir lieber, Unwissenheit, — kauftesie einen Ketechismus und sandte diesen dem Herrn Prediger mit der Bitte, daß,wenn er künftig wieder den Beruf in sich verspüren sollte, über katholische Dingezu schreiben, er zuvor in dem übersandten Katechismus über dieselben sich in-sormiren möge.
Die Intoleranz der Holsteiner, namentlich ihrer Behörden, ist ferner ausdem Grunde zu erklären, daß die lutherische Geistlichkeit einen sehr überwiegendenEinfluß ausübt. Ihre Pfründen find durchschnittlich sehr reiche Pfründen. Da-durch sind sie in den Stand gesetzt, ihre Kinder gut erziehen zu können, die dannmeistens Beamte werden. Wir möchten Wohl glauben, daß es in ganz Holsteinkeinen höheren Beamten gibt, der nicht entweder eines Predigers Sohn, oderdessen Schwiegersohn oder Schwiegervater ist; selten aber wird es vorkommen,daß ein höherer Beamter einen Prediger zum Sohne hat.
Schließlich die Bemerkung, daß man ja nicht glauben darf, jene Verfol-gungen gingen von den Dänen aus; die Dänen sind daran völlig unschuldig:die Dänen unterdrücken das deutsche Wesen in Holstein, die Holsteiner aberunterdrücken die Katholiken, und Beides ist trotz Mommscn kein Edelmuth.
Die sieben Gnadenbitten im Gebete des Herrn.
6. Die sieben Bitten im Gebete des Herrn haben sieben Gnaden zumGegenstände. Die erste Bitte ist eine Bitte um die Gnade der Gottverherr-lichung. In der zweiten Bitte erflehen wir die Gnade der Selbstheilignng.Denn das Reich des Herrn, welches uns schon auf Erden zukommen soll, kannnur ein gottgeheiligtes Herz beherrschen. Die dritte Bitte umschließt die Gnadedes Gehorsams, die vierte nach ihrer geistigen Richtung die Gnade der Verei-nigung mit Gott, die fünfte die Gnade der Sündenvergebung. Anscheinendseltsamer Weise folgt hier die Sündenvergebung der Vereinigung mit Gott,während im Leben der Kirche die Sündenlossprechung dem Empfange der heiligenCommunion vorangeht. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen dem Gebete desHerrn und dem Leben der Kirche löst sich auf einfache Weise. Die Ordnungim Gebete des Herrn ist eben eine andere, als die Ordnung im kirchlichenLeben, ohne daß die eine die andere ausschlöße. Im Gebete des Herrn nämlichumfassen die vier ersten Bitten die Beziehungen eines von der Sünde gereinig-ten Menschen zu seinem Schöpfer. Die drei letzten Bitten hingegen erstrebenjene Gnaden, die zur Tilgung oder Verhütung der Sünde dienen. Die sechsteBitte nämlich bezielt die Gnade des Tugendsieges bei jedem Kampfe, jeder Ge-legenheit zur Sünde, ja ein Fernehalten der Gelegenheit selbst, soweit dies desHerrn weiser Rathschluß zuläßt; die siebente Bitte endlich die ununterbrocheneFortsetzung dieser Gnade des Tugendsiegcs bis zu einem gottseligen Ende, d. h.die Gnade der Beharrlichkeit. Die Ordnung im Gebete des Herrn bezweckt mit-hin das leichte . Verständniß des Betenden. Die Ordnung des kirchlichen Lebenshingegen beobachtet die Gnadenaufeinanderfolge in der Seele des Menschen.Nach dieser Ordnung daher muß die Gnade der Sündenlossprechung jener derGottvereinigung vorangehen.
Redaetl»« »n» Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck »,n 3. M. Kleiste.