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Der ?. Congiato wird Eurer Paternität über den Stand der Mission in denBergen umständlich Bericht erstatten. Ich beschränke mich darauf, diese armenBewohner der Wüste Ihrer Vorsorge anzuempfehlen. Ich hoffe, die göttlicheVorsorge wird sie nicht verlassen. Viele tausend Kinder, die nach empfangenerTaufe gestorben sind, und eine sehr große Zahl Erwachsener, die als gute Chri-sten gelebt haben und fromm gestorben sind, werden schon jetzt ein himmlischerFürsprecher sein. Sie dürfen besonders aus den Schutz der Louise aus der Völker-schaft der Coeurs d'Alenes und des Loyola, Häuptling der Kalipets, rechnen, derenLeben eine Reihe von ununterbrochenen heroischen Tugendacten war, und diegleichsam im Gerüche der Heiligkeit gestorben sind. Ich nehme mir vor, EurerPaternität die Notizen über ihr erbauliches Leben und ihren Tod zu übersenden.
(Schluß folgt.)
Das Gift.
6. Frau Ellen hatte ihrer Tochter das Dasein gewisser Gifte erklärt, derenWirkungen die Wirkungen anderer Gifte aufheben.
Ei! — versetzte Clara — da könnte man eine Untugend mit der andernvertreiben.
Nehmen wir auch die Wahrheit dieser Behauptung an und wollen z. B.den Hang zur Verschwendung durch die Neigung zum Geize ersticken, so würdeeben das Laster des Geizes in unserm Herzen fortwuchern, während das schaden-tilgende Gift keinen neuen Schaden im menschlichen Körper anrichtet.
Woher rührt dies?
Von der Art und Weise, wie unser Körper ein Gift, unser Herz eine Un-tugend als Gegenmittel empfängt.
Unterscheiden sich diese beiden Empsangsweisen?
Allerdings; das Gegengift für den Körper wird in keiner starken Gabe,nicht rein, sondern vermischt mit andern Stoffen gereicht, welche ihm seine tödtendeoder zerstörende Kraft rauben. Das Gegengift für das Herz aber, wenn wirdes Gleichnisses willen diesen Namen den Untugenden leihen dürfen, nehmen wirnur zu bereitwillig im größten, alle andern Kräfte niederdrückenden Maße, neh-men es rein ohne die geringste Vermischung mit irgend einer Tugend, welcheseine schädlichen Wirkungen mildern könnte. Das Leben erweist die Wahrheitdieser Behauptung an den abschreckendsten Beispielen. Schon mancher Verschwen-der, der sich ernstlich bessern wollte, ward ein Geiziger, mancher Tollkühne einFeigling, mancher Zornmüthige nahm eine verächtliche Gleichgiltigkeit an, welcheAlles über sich ergehen läßt; mancher Hosfärtige erniedrigte sich zum demüthigstenSchmeichler.
Könnte man also keine Untugend ablegen, ohne in die entgegengesetztezu fallen?
Wir können es im Hinblicke auf den Gebrauch des Gegengiftes für denKörper, welches durch Beimischung anderer Stoffe seine schädliche Einwirkungverliert, mithin aufhört, Gift zu sein.
Wir müssen demnach jene Untugenden, welche das Gegengift des Herzenssein sollen, mit Tugenden vermischen, welche ihnen, unbeschadet ihrer Gegenwir-kung, ihre Gefährlichkeit nehmen, sie also in erlaubte, ja erstrebenswerthe Vor-züge verwandeln.
Du hast die Bezeichnung unrichtig gewählt. Eine Untugend bleibt, wassie ist; auch unter der Verhüllung der erhabensten Tugenden. Es kommt alsonicht auf ihre Vermengung mit dem Guten, sondern aus ihre Verwandlung durchdas Gute an, bevor wir sie in unser Herz aufnehmen. Der Proceß, welcher