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beim Körper nach Empfang des Gegengiftes, muß bei der Seele vor Empfangdes Gegenmittels sich entwickeln.
Welches Gute veredelt aber das Böse?
Die Betrachtung des Gegengiftes führt uns auf den rechten Weg. Giftund Gegengift haben die entgegengesetztesten Wirkungen; allein beide Wirkungenwürden sich in der Kraft, zu schaden, berühren, wenn nicht der dem Gegengiftebeigemischte Stoff in der Mitte zwischen beiden Giften den schädlichen Wirkungenderselben das Gleichgewicht hielte.
Die richtige Mitte ist also der die Untugenden veredelnde Geist des Guten.
Getroffen, mein Kind! Sie bildet den Inhalt der christlichen Weisheit,und, indem sie den Untugenden ihre Schärfe nimmt, verwandelt sie dieselben ineine milde Tugend. Zwischen Geiz und Verschwendung steht die Sparsamkeit;zwischen Hoffarth und kriechender Demuth gerechtes Selbstvertrauen im Hinblickeauf den göttlichen Beistand; zwischen aufbrausendem Zorne und charakterloserSanftmuth der gerechte Zorn, der nur bei einer gerechte^ Veranlassung in weiserMäßigung sich zeigt.
Aber, Mutter! Vertreiben Untugenden auch nie das Böse überhaupt, sopflanzen sie doch Tugenden in unser Herz. Wir sind z. B. geduldig aus Prunk-sucht in dieser Tugend.
Wenn wir indeß mit unserer Geduld nicht mehr prunken könnten, sondernuns demüthigen würden in den Augen der Menschen, wären wir da nicht stolzauf unsre Ungeduld?
Wann würden wir unsern Stolz demüthigen in der Geduld?
Wenn wir geduldig wären in der Demüthigung unseres Stolzes. Siehemein Kind! daß der Zweck das Mittel heilige, ist ein verkehrter Satz; um wieviel verkehrter muß erst der Satz sein: daß Las Mittel den Zweck heilige?
Worin nun zeigt sich die Falschheit eines Zweckes äußerlich?
In seiner Dauer. Eine gottähnliche Absicht des Wirkens ist gewissermassenunbegränzt, wie das Göttliche selbst, endet also in ihrer reinen Erhaltung erstmit unserm Leben. Eine weitgemäße Absicht begränzt sich durch die Begriffe derWelt, ändert sich mit der Veränderung oder dem Widersprüche dieser Begriffe.
Wie verräth sich der Unterschied beider Absichten in unserer Handlungsweise?
Wer nach göttlichem Gesetze handelt, sucht Gott nachzuahmen in der Ein-heit seines Geistes. Wer die Welt zur Richtschnur nimmt, ahmt sie nach inder Vielheit ihrer Charakterlosigkeit.
Die Bedrückung der Kirche iu den katholischen Staaten im 18 .und 19 . Jahrhundert und ihre Folgen.
„Niemals konnte sich ein Souverain, welcher seine Hand gegen einen Papsterhoben, einer langen und glücklichen Regierung erfreuen."
Inwieweit die Geschichte diesen Ausspruch des berühmten sardinischenStaatsmannes bewahrheitet, ist in einem dem Mainzer Sonntagsblatt entlehn-ten, Aufsätze des Kirchenblattes (Nr. 17.) in kurzen Zügen nachgewiesen worden.Die Geschichte zeigt aber auch, wie alle die katholischen Staaten, deren Regie-rungen, von falschen Voraussetzungen ihrer Oberhoheit ausgehend, und in völli-ger Verkennung ihrer Stellung zum heil. Stuhle und zur Kirche, die letztere zuunterdrücken und als Mittel zur Erreichung ihrer absolutistischen Zwecke herab-zuwürdigen bestrebt waren, von dem göttlichen Strafgerichte getroffen wurden.
Nachdem der Bourbonische Ludwig XlV., dessen Absolutismus die sogenann-ten gallicanischen Freiheiten ihr Dasein verdanken, in Frankreich den Reigen er-öffnet hatte, waren ihm die Vettern aus seinem Hause, die Regenten von Spanien ,