Ausgabe 
20 (30.9.1860) 40
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Neapel und Parma eifrigst in ihren lirchenfeindlichen Bestrebungen gefolgt; dasHaus Braganza in Portugal überbot diese an Trotz und Gewaltthätigkeit gegendie Kirche und ihre Organe, und Joseph ll. brachte in Oesterreich sein, einenAbklatsch jener gallicanischen Kirchenverfassung bildendes System der Aufklärungin Ausführung, unter dessen unheilvollen, verderblichen Folgen Volk und Regie-rung heute noch empfindlich zu leiden haben. Das ganze 18. Jahrhundert warein ununterbrochener Kampf der weltlichen Mächte gegen die Gewalt der Kirche,ein fortwährendes Hindrängen zum Cäsareopapismus. Den Nachfolgern aufdem Stuhle des heiligen Petrus ward statt mit der gewohnten Verehrung undHingebung, mit Trotz und Uebermuth. mit Hohn und Spott begegnet, undwahrlich, wenn man die Geschichtsbücher jener Periode durchblättert, so wird manwie von Wehmuth, von innigstem Mitgefühl für diese erhabenen Märtyrer er-griffen, denen eine glaubenslose, freche Zeit den Leidensbecher bis aus den letz-ten Tropfen zu verkosten gab.

Unter allen jenen Ländern ist auch nicht eines, das der Zorn Gottesnicht getroffen und unter seine Strafruthe nicht gebeugt hätte.

Wie die Verfolgung der Kirche von Frankreich ausging und ihren Umzughielt durch die Staaten Europa's, so war jenes Land auch die Geburtsstätteund Wiege der Revolution, die von dort aus sich wie ein Strom ergoß überalle Länder und seit jener Zeit ununterbrochen fortgedauert hat bis aus denheutigen Tag, hier unter der Asche glimmend, dort in Flammensäulen auflo-dernd, nur daß sie heute nicht blos von den Völkern ausgeht, sondern auch vonRegierungen und Herrschern gehegt und gepflegt wird. Es ist aber die Revo-lution ein vielköpfiges Ungeheuer, das auch seinen eigenen Erzeuger verzehrt.

Beuge das Haupt," sprach bei der Taufe der hl. Remigius zum Herrscherdes Frankenreiches, Chlodwig, beuge das Haupt, stolzer Sigamber, verbrennewas du angebetet hast, und bete an, was du verbrannt hast." Und Chlodwig beugte sein Haupt auf das Geheiß des Bischofs und erhielt mit Wasser die hl.Taufe. Vierzehn Jahrhunderte später beugte abermals ein Herrscher desFrankenreichs sein Haupt, nicht auf das sanfte Gebot eines Bischofs, sondern ausdas Wuthgeschrei eines entfesselten, blutberauschten Pöbels, und er beugte seinHaupt um mit Blut die Taufe zu erhalten durch das Schwert des Nach-richters. Dieser Herrscher war ein Enkel jenes stolzen Ludwig des Vierzehnten,der sich den Großen nennen ließ, der seine Person mit dem Staate identificirte(t vl.n c'esr moi), und seinen Willen frech zum höchsten Gebot auch über dasder Kirche setzte. Und jener so allgewaltig herrschende, souveraine Pöbel, derFrankreich in einem Meere von Blut zu ersäufen drohte, er war das würdigeErzeugniß einer Zeit, die durch die unheilvollen Lehren jener so bewundertenund vergötterten Verkünder der Menschenrechte, jener Apostel der Freiheit, derAufklärungs-Philosophen des 18. Jahrhunderts hervorgerufen war, die den Für-sten begreiflich zu machen wußten, daß ihre Macht durch die Unterdrückung derKirche stärker und fester würde werden, und welchen diese hinwieder ihre Dank-barkeit nicht besser zu bezeugen wußten, als daß sie eine christliche Kirche zu ihrenEhren in einen heidnischen Tempel umwandelten.

Mit eisernem Fuße zertrat Napoleon der Hydra der Revolution den Kopfund stellte als Grundsäulen der neuen Ordnung der Dinge das katholischeKirchenthum wieder her. Aber auch ihm sollte die Kirche nur als Hebel fürdie Ausführung seiner Pläne, als Mittel zum Zweck dienen. Sie ward durchorganische Gesetze in spanische Stiefeln eingeschnürt, und als sie gleichwohl sichnicht zum bereitwilligen Werkzeuge seiner Weltherrschafts-Jdeen hergeben wollte,da, um sie mit Gewalt zu beugen, streckte er seine gewaltige Hand aus gegendie geheiligte Person des Statthalters Christi. Aber die Hand Gottes war nochstärker. Sie erfaßte ihn in den eisigen Gefilden Rußlands, und seine Weltherr-

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