318
schaft war vernichtet. Fünfzehn Monate später, als er dem gefangenen Papstedas falsche Concordat von Fontainebleau abgezwungen hatte, mußte er in dem-selben Fontainebleau seine Abdanlungsurkunde unterzeichnen.
Die Bourbonen nahmen ihren alten Thron ein. -Aber dieses Geschlechthatte Nichts vergessen und Nichts gelernt. Der Gallicanismus ward wiederproclamirt und in den Kammerverhandlungen (1827) durch die Weiherede desBischofs von Hermopolis sanctionirt. Schon nach drei Jahren macht eine neueRevolution der Bourbonenherrschaft ein Ende. Ihr Nachfolger ist der liberaleBürgerkönig, Ludwig Philipp , der Sohn jenes berüchtigten Herzogs von Orleans,Philipp Egalite , der für den Tod seines Königs, seines so nahen Verwandtengestimmt hatte. Klug und verschlagen, sucht er die Stützen seiner Herrschaftnicht in der Kirche, nicht in der Aristokratie, sondern in dem Ton angebendenPhilisterthum des Bürgerthums, dem er aus jede Weise schmeichelte, um es ansein Interesse zu fesseln. Die Universität zu Paris wird die Kanzel, von derherab Haß und Verachtung gegen die Kirche ungescheut gepredigt, wo der Jugendfrühzeitig jene Grundsätze der Glaubenslosigkeit eingeprägt werden dürfen, derer selbst, der alte Voltairianer, huldigte, und die ihn, den allwärts Freundlichen,veranlaßt, der Kirche feindlich gegenüber zu treten. Achtzehn Jahre hatte erregiert, unverletzt von den Kugeln, die von Mörderhand neunmal gegen ihn ent-sendet wurden; seine Dynastie ist nach menschlicher Berechnung lange gesichert, daereilt auch ihn das Geschick. Wenige Stunden reichen hin, um seinen durch alleMittel menschlicher Klugheit befestigten Thron zu stürzen. Wie sein Vorgänger,stirbt auch er als Flüchtling auf fremder Erde.
Abermals herrscht die Revolution und abermals wird sie von einem Napo-leon niedergetreten. Wie die Bestrebungen dieses Mannes, der, aus was immerfür Motiven, zu der wüthendsten Verfolgung gegen Las Oberhaupt der Kirchedas Hallali geblasen, wie diese enden werden, das steht in dem Buche der Vor-sehung geschrieben, die allen menschlichen Bestrebungen und Entwürfen ein Zielsetzt. Die Geschichte aber gibt deutliche Winke, die keiner Erläuterung bedürfen.
Wenige Zeit nach dem Falle der Julidynastie schrieb einer der geistvollstendeutschen Publicisten, einer der größten Geister Deutschlands überhaupt, dessenvollen Werth erst eine dankbare Nachwelt zu würdigen wissen wird, schrieb Carl
Ernst Jarcke :-„Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen der Umstände,
daß, Wider alle menschliche Berechnung und Vorsicht, jede Macht in Frankreich ,welche die Kirche knechten wollte, jedesmal bald nachher ihren Untergang fand.Hätten wir irgend einem künftigen Beherrscher dieses Landes, wie er auch heiße,einen Rath zu geben, so dürfte es vielleicht an der Zeit sein, ihm den Vorschlagzu machen: er möge es einmal auf dem entgegengesetzten Wege versuchen. Ermöge das Experiment machen, die Kirche nicht zu verfolgen, aber auch nichtdurch seinen Schutz zu erdrücken, sondern sie frei zu geben und für sich selbstsorgen zu lassen. Es wäre, scheint es, doch des Versuches werth. Schlimmeresals der alten Monarchie, dem Kaiserreiche, der Restauration und dem Julikönig-thume könnte ihm doch nicht begegnen, wenn er die gallicanischen Grundsätzeaufgäbe. Und wer weiß, ob nicht die von den Staatsfesseln befreite Kirche wie-der fähig würde, jenen Frieden in den Gemüthern wiederherzustellen, ohne wel-chen Freiheit und Ordnung der Gesellschaft Worte der Täuschung und Lüge sind."
Ludwig Napoleon hat diesen Weg nicht eingeschlagen, sondern mit derErbschaft seines Oheims auch dessen Kampf gegen die Kirche übernommen. Da-mit ist auch sein Schicksal besiegelt. Das Land aber muß, aus tausend Wundenblutend, für die Verblendung seiner Herrscher büßen.*)
(Schluß folgt.)
*) tzuiä^uiä äelirrml reßes, pleciuvtur Xrckivi. Virxil.