Ausgabe 
20 (30.9.1860) 40
Seite
319
 
Einzelbild herunterladen

Reflexionen über da«s Wallfahrten nach Eiufiebeln.

Verschiedene öffentliche Blätter in der Schweiz und im Ausland haben imverflossenen Jahre gemeldet, die 3 Gesandten der Mächte Frankreich's, Oester-reichs und Sardinien's hätten, nachdem sie das in Villafranca zwischen denbeiden Kaisern Frankreich's und Oesterreich '? begründete Friedenswerk in seinen^ Hauptzügen zu Zürch gezeichnet hatten, eine Wallfahrt nach Ein siedeln

. gemacht, und seien in dem dasigen Kloster von dem sehr humanen und gefälli-

gen Herrn Prälaten gastfreundlichst bewirthet worden.

Was! Abgeordnete der größten Mächte Europa's wallfahrten noch in' der Mitte des aufgeklärten XIX Jahrhunderts ! Wallfahrten nach Ein siedeln,der Zufluchtsstätte des einfältigen Volkes! wallfahrten zu einem dort der Ver-ehrung ausgesetzten sog. wunderthätrgen Bilde! wallfahrten dahin wohlauch wegen der weit in die Welt Hinausschallenden Sagen von einer wund ur-baren, ja göttlichen Einweihung einer für dieses Bild dort er-! richteten Capelle, welche schon vor uralter Zeit geschehen sein soll.

Wohl möchte manches nach Einsiedeln locken: die romantische Lage desOrtes, die Pracht des dortigen Klosters, die prachtvolle Kirche, die ergreifende! Würde des Gottesdienstes, die herrliche Musik, der imposante Choralgesang, die

> Gesänge und Gebete der tausend Pilger, welche von verschiedenen Ländern, mitverschiedenen Sprachen, in den mannigfaltigsten Trachten an diesen Ort her

^ wallfahrten, und bis in die späte Nacht hinein in dem düster erleuchteten Gottes-

j Hause um die marmorne Capelle der Gottesmutter herum sitzen oder knieen,

! dieses muß wohl anziehen und ansprechen.

1 Alle diese ansprechenden und anziehenden Dinge sind aber nur Ausflüsse

des Glaubens an jenes unendlich wichtige Ereigniß der wunderbaren Einweihungder Capelle, welches Allem zum Grunde liegt, und ohne welches alle diesei Dinge entweder gar nicht wären, was sie jetzt sind, jenes Ereigniß, welches die

> ursprüngliche Chronik des Klosters erzählt, das Ereigniß nämlich der Einweihungder Cappelle durch Christus selbst und seiner hl. Engel, weßwegensie Engelweihe genannt wird, und welche im Jahre 948 in der Nacht des14. September geschehen sein soll. So erzählt dieselbe Chronik:Im Septemberdes Jahres 948 lud Abt Eberhart den Bischof Konrad von Konstanz zur feier-lichen Einweihung der erneuerten Mnttergotescapelle nach Einsiedeln ein.Um Mitternacht des zur Einweihungsfeier bestimmten Tages begab sich Konradmit noch einigen Mönchen in die Kirche zu Gebet und Betrachtung. Da ver-

!nimmt der Bischof, wie er in die Kirche eintritt, einen wunderschönen Gesang.Er schaut umher, und gewahrt immer deutlicher, daß Engel dieselben Cerrmonienverrichteten, welche bei Einweihung einer Kirche gebräuchlich sind. Jener siehtausdrücklich,.daß Christus selbst in der Gnadencapelle das heiligste Opfer dar-. »bringt, umgeben von mehreren hl. Vätern. Während dieser Handlung stand die

sseligste Jungfrau Maria in glänzender Lichtgestalt vor dem Altare. Mittler-

weile rüM der Morgen an; es war Donnerstag, den 14. Herbstmonat, Alleszur Weihung erforderliche war bereit und man drang in Konrad, die Weihungendlich vorzunehmen. Allein, als er sich dazu herbeilassen und die Einweihungbeginnen wollte, ertönte von der Höhe herab die Stimme:Höre auf Bruder,'die Capelle ist schon göttlich eingeweiht!" Die Anwesenden,welche diese Worte mitanhörten, und zwar zum drittenmal«!, wurden von hei-ligem Schauer ergriffen, und Konrav stand ab von der Einweihung der Capelleund weihte dagegen nur die neugebaute Kirche" u. s. w.

So erzählt die älteste Chronik des Klosters Einsiedeln und diese Erzäh-