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Warum stürzest du so athemlos zum Zimmer herein? fragte Frau Jostihr heimgekehrtes Kind.Du wirst kaum in der Schule gewesen sein."

Mutter! Mutter! Ein Todter!"

Närrchen!" sprach der eben eingetretene Amtmann.

Nein, Vater! im Küchlein. Mir graust noch jetzt vor dem Anblicke."

So will ich selbst mit dem Knechte gehen und sogleich den Dorfarzt be-sorgen lassen. Du, Frauchen! halte Zimmer und Bett bereit für den Fall, daßein Unglücklicher unserer Hilfe bedarf." *

Kaum waren diese Anordnungen befolgt, als auch der Amtmann mit demDorfarzte wieder erschien. Ihm folgten zwei Männer mit einer Tragbahre, aufwelcher ein junger Mann ohne Lebenszeichen ausgestreckt lag; allein bald siegtedas Gefühl der Menschlichkeit über den Schrecken. Doch als die aufopferndeSorgfalt der braven Familie sich mit glücklichem Erfolge gekrönt sah, und derFremde zum Leben wieder erwacht, den Umstehenden warm die Hand drückte,erinnerte sich vorzüglich die fromme Mutter, daß nicht sie und die Ihrigen sichin den Dank zu theilen hatten, sondern daß dieser dem Herrn ausschließlich ge-bühre. Sie eilte daher in's Kirchlein und dankte brünstig, daß Gott einem Un-glücklichen Hilfe und ihnen die Gelegenheit zu einem verdienstlichen Werke ge-währt habe.

Nach Hause gekommen, wollte sie Emma zeigen, daß eine edle That nebstder innern Belohnung der Selbstzufriedenheit auch schon in diesem Leben ofteinen äußern Lohn mit sich bringe.Liebes Kind!" sagte sieheutehast du mich so sehr erfreut, daß ich dir gerne eine Gegenfreude machen möchte."

Bitte, Mütterchen! schenke mir jene Schaumünze, die du mir versprochenhast, wenn Du einmal besonders mit mir zufrieden sein könntest. Heute warich doch recht brav."

Nur nicht stolz, mein liebes Kind!" versetzte die Mutter mit demFinger drohend.Du vergissest über Dein geringes Verdienst, was dem Herrngebührt."

Emma hüpfte vor Jubel, als sie die seltene Münze in Händen hielt, welchedie Amtmännin als junges Mädchen von ihrer Pathin empfangen hatte. Mitgroßen Augen betrachtete sie'die räthselhafte Schrift der Kehrseite, die Figurender Vorscite, welche eine heilige Handlung darstellte. Aber plötzlich legte sie dasGoldstück weg.Mutter! Nicht eher mag ich die Münze, als bis du michgeküßt hast." Sie sprang der Mutter auf den Schooß und küßte sie und ließsich küssen. ^ ,

Herr Jost wollte sich nicht durch unbescheidenes Forschen nach den Schick-salen des. Erretteten für sein und der Seinen geleistete Dienste bezahlt machen.Allein sobald der Unbekannte sich so weit erholt hatte, daß er ohne zu großeAnstrengung sprechen konnte, erzählte er unaufgefordert seine Lebensgeschichte,weil es ihm, wie er sagte, Bedürfniß, Pflicht der Dankbarkeit war, sein Herzin die Brust eines Mannes anszugießen, dessen edles Wohlwollen sich vorzüglichgegen ihn geäußert hatte.

August Finner so nannte sich der Fremde ein geborner Deutscher,war in früher Jugend mit seinen Eltern nach Frankreich ausgewandert und führtedort im Schooße seiner Familie ein friedsames Leben, dem Kaufmannstande sichwidmend. Die französische Revolution gegen Ludwig XlV. sollte auch dieseGlücklichen nicht verschonen. Augusts Eltern starben auf dem Schafotte dewTodfür Gott und Vaterland. Er selbst entkam uur durch die List eines Gefangen-wärters und irrte, mit wenigem Gelde versehen, Tage lang umher, bis er dieGränze erreichte. Freundlich winkte ihm die Kirche vom Berge. Dort wollte ervon allem Irdischen verlassen, zu Gott seine Zuflucht nehmen. Kaum hatte er