331
ihre heilige Schwelle betreten, als seine fast erschöpften Kräfte gänzlich schwan-den. —' „Die letzte Stunde meines Lebens schien mir genaht" — schloß er seineErzählung mit thränennassem Auge.
„Nur die letzte Stunde Ihres Elends," — versetzte Jost, — „wenn sieanders mit der bescheidnen, aber sichern Stellung eines Schreibers bei meinemAmte, mit einem stillen Plätzchen an meinem Heerde nur einigermassen sichtrösten können für Ihre unersätzlichen Verluste. — Bist du's zufrieden, Johanna?fragte er seine Gattin, welche schon zu Anfange der Erzählung Finners ein-getreten war.
„Mit dir und meinem neuen Hausgenossen. Ich wiederhole den Wunschmeines Gatten: mögen Sie in uns, wenn auch nicht völligen, doch einigen Er-satz für ihre Verlornen Eltern finden!"
„Und Sie bei Gott den Entgelt, den ich nicht geben kann!" — entgegncteFinner, Frau Jost gerührt die Hand reichend.
(Schluß folgt.)
Aus dem Leben einer Fürstentochter.
(Schluß.)
Sie spornte sich täglich selbst an zum Eifer in der Tugend und sprach:„O mein Gott! Du bist von so Vielen geehrt und geliebt, soll nicht auch ichetwas thun zu Deiner Ehre? O Jesus leidend für mich unendliche Pein! sollnicht auch ich etwas leiden um Deinetwillen? Tausende hast Du zu Deinem be-sonderen Dienste berufen, soll ich allein zurückstehen? Ach! wozu, o Herr! binich geboren? Gewiß nicht, Freude und Kurzweil zu genießen, das Paradies aufdieser Welt, ewige Pein in der anderen! O nein! o nein! mein Herr und meinGott! Mache mit mir, was Du willst, ich will nicht aufhören Dich zu lieben,weil Du mich liebest ohne mein Verdienst! In Dir will ich glühen in ewigerLiebe, ausziehend alles Sterbliche, mir anbildend das himmlische Leben im Pa-radiese." — Mit besonderer Andacht war sie der allerseligsten Jungfrau Mariazugewandt, dieser gottgesetzten Führerin der tirolischen Volkskraft auf allen Wegender irdischen Trübsal, und beförderte allenthalben ihre Ehre, durch die jung-fräuliche Reinigkeit der Gottesgcbärerin ausfegend die Fäulniß einer besudeltenZeit, die Gemüther empfänglich machend für die Spannkraft der keuschen Ge-sinnung. Aus aller Noth der weltlichen Strudeleien flüchtete sie in's Herz ihresHeilandes, und betete mit Innigkeit: „Sei gegrüßt, reinstes Herz Jesu, meinessüßesten Herrn und Meisters, mit unzähligen Wunden für mich durchbohrt! DeineWunden durchflammen meine Seele mit den Pfeilen der göttlichen Liebe! Ver-senke mich in die Tiefen Deiner heiligen Seee, tränke mich statt mit dem WeineDeiner himmlischen Gnaden, daß ich Dir vereint lebe und sterbe in unaussprech-licher Liebe!"
Als ihr Gemahl im Jahre 1594 tödtlich erkrankte, blühte sie hell auf ausden Thränen ihrer tiefen Hcrzbekümmerniß mit den Wunderblüthen der Gott-ergebung, der Geduld, der zartinnigsten Theilnahme, unermüdlich am Lager dessen,dem sie in kindlichster Treue an dreizehn Jahre gedient, ihn pflegend mit lieberHand, ihm zusprechend im Tode, ihn hinüberbetend in die ewige Freude, demTodten opfernd ihr Blüthenalter von acht und zwanzig Jahren, mit der Liebe,die keinem Zweiten gilt, wenn auch umworben von den ehrenvollsten Anträgenfürstlicher Bewerber nach dem Tode des Landesfürsten. Mit ihrer Liebe unver-äußerlich hinübergeschlungen an die Seele ihres Gemahls am Herzen Gottes,saß sie einsam in ihrer Wittwenzelle, die verwaisten Töchter hangend an ihremGewände, mit Thränen heiliger Sehnsucht nach der ewigen Heimath. Gold und
N