Ausgabe 
20 (14.10.1860) 42
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aller Dienerschaft, allem Unterschiede der Person, schwesterlich lebend mit denSchwestern, deren Kleider sie demüthig flickte, selbst des abgenütztesten Anzugesfroh. Tief beklagte sie ihre leibliche Schwachheit, die ihr nicht erlaubte, an dengemeinsten Haus - und Küchenarbeiten Antheil zu nehmen. Alle Tage betete siein der innigsten Zufriedenheit ihres Herzens:O mein Jesus ! O Bräutigammeiner Seele! O glorwürdigste Jungfrau Maria! Wie habe ich die Gnadeverdient, dieses hl. Trauerkleid zu tragen und mit der Mutter Gottes den Tod mei-nes Erlösers zu beklagen! O hätte ich es mit dem Reichthume der ganzen Welt,mit tausend Leben erkauft, es wäre nicht zu theuer bezahlt!" Sie feierte oftdas Leiden Christi innerhalb der Mauern ihres stillen Klosters auf eigenthüm-liche Weise. Alle Schwestern zogen durch die Klostergänge, barfuß, jede mit einemStrick um den Hals, ein schweres Kreuz auf den Schultern, eine Dornenkroneaus dem Haupte, Klagelieder singend dem gekreuzigten Heilande. Sie selbst, weilleiblich zu schwach für die Last des Kreuzes, ließ sich mit einer eisernen Ketteum den Hals, mit gebundenen Händen mitschleppen, in solcher Andacht und Zer-knirschung, daß die Schwestern, in ihr Christus erblickend, wie er zum ungerech-ten Richter geschleppt wurde, bitter weinten im schmerzhaftesten Wehgesühle. Injeder Noth und Trübsal sprach sie voll Ergebung in den göttlichen Willen:DasLeiden und Sterben Jesu Christi und das Mitleiden und Mitsterben der selig-sten Jungfrau Maria sei allzeit in meiner Seele und meinem Leibe!"

Sie litt sehr an Gichtschmcrzen, Nervenansälle warfen sie oft mit grimmi-ger Gewalt die Stiege hinunter, wiederkehrende große Leibesschwäche, durch strengeAbtödtung vermehrt, rückte sie vor der Zeit an den Rand des Grabes. ImJahre 1618 erkrankte sie so ernstlich, daß sie nie mehr ganz gesundete, aber dertröstliche Grundsatz:Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn!"hielt sie aufrecht in allen Lcibesnöthen. Sie wurde das lebendige Leiden Christi.Im Kopfweh fühlte sie mit inniger Freude die Dornenkrone ihres göttlichen Mei-sters. Zur Zeit gänzlicher Entkräftung flüsterte sie:O wie gedrückt ist Jesus unter dem Kreuze um meinetwillen! O wie schmerzlich fällt er zur Erde!"Schmerzte sie die Hüfte, so fühlte sie die Geißelstreiche ihres Gottes; sie athmeteleise:Jetzt geißelt mich der Herr, ich muß leiden, ich will leiden, um ihm fürseine schmerzhafte Geißelung zu danken!" Wollten sie ihre Füße nicht tragen,so seufzte sie bei jedem Schmerzenstiche durch Mark und Bein:Kein Schmerzunter der Sonne gleicht dem Schmerze Christi am Kreuze. O könnte ich mitihm sterben im schrecklichen Kreuztode, ich stürbe mit Freuden, und dankte mitInbrunst für diese ausgezeichnete Gnade." Ihre Augen wurden durch anhaltendeKopfflüsse oft unbrauchbar; sie betete in diesem Zustande der Blindheit die Lei-den Christi an, die er von seinen Feinden mit verbundenen Augen in bittersterVerhöhnung gelitten. So fühlte und betete sie sich aus ihrem Leiden in dasLeiden ihres Heilandes hinein, mitleidend mit seinem göttlichen Herzen, und jeschwächer der Leib, desto größer wurde ihr Lcidcnsdurst, desto süßer versank ihreSeele in den Wonnen des Erlösers.

Gegen das Fest der heil. Anna des Jahres 1621 befiel sie eine tödtlicheSchwäche. Sie mußte zu Bette gehen, ein starkes Fieber stellte sich ein, alle Lustzum Essen und Schlafen verschwand.Die heilige Anna ruft mich zu sich!"sagte sie lächelnd, und verggß im Gespräche von den Freuden des ewigen Lebensallen Schmerz ihrer Krankheit. Am 2. August wurde ihr Zustand bedenklicher,sie fühlte das Nahen ihrer Todesstunde und sprach:An dem Mittwoch bin ichnicht mehr bei euch, laßt mich sorgen für meine Seele!" Ihr Auge hing mitseinem letzten Schimmer an dem holzgeschnitztcn Bilde des Gekreuzigten. Furcht-bare Seitenstiche, nach ihrem eigenen Geständnisse die Pein des Fegfcncrs, mar-terten sie durch volle 2^ Stunden mit den grimmigsten Qualen. Sie umfaßtedas Kreuz mit der innigsten Zärtlichkeit, ihr einziges Heil, ihre Todesruhe, ihren

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