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Himmelstrost und sprach leise: „Lebet wohl, o Schwestern, im Paradiese sehenwir uns wieder!" Man fragte sie, ob sie dürste? „Mich dürstet — fiel sie leb-haft ein — nach dem Wasser der himmlischen Brunnen." Ihre letzte Kraft wargeschwunden, im Sterben segnete sie noch die Zurückbleibenden, ihnen wünschenddie ungetrübte Wahrheit der katholischen Kirche , Todesmuth für die Gnade desheiligen Glaubens. Sie entschlief am 3. August, 55 Jahre alt, wovon sie dieneun letzten im Kloster zugebracht hatte. Man stellte ihren Leichnam in derschwarz ansgeschlagenen Kirche zur Schau. Eine Dornenkrone ruhte auf ihremHaupte, ein Todtenkops lag zu ihren Füßen, und ein hölzernes Kreuz in ihrenHänden. Ihr Leib war mit Blumen bestreut, die von den Besuchenden gierigaufgelesen wurden als Denkmal an die heilige Frau. Als man ihren Sarg27 Jahre nach ihrem Tode öffnete, fand man ihre Leiche unverwesen, weich an-zufühlen, bräunlich gefärbt. Eine strengärztliche Untersuchung bestätigte dieThatsache .
Dieses merkwürdige Weib war, wenn auch kaum hervorgetaucht aus denbeschränkten Denkkreisen des mädchenhaften Alters, gleichwohl schon bei ihremEinteilte in's Tirol auf den universellen Standpunct, auf die Höhe des welt-erobernden kathol. Princips getreten, abhold aller revolutionären Nationalität,namentlich der kindisch trotzigen Deutschthümelei, die den inneren Volks- undNeichswurmstich durch einseitige Losgerissenheit von Rom zudecken und heilenwollte, mit der Kraftliebe ihres flammenwerfendeu Gemüthes die ganze Weltumfassend als eine große Völkerinnung unter dem kühlenden Schatten derrömisch-katholischen Kirche . Die südliche Lebenswärme des Katholicismus demtirolischen Landesfürsten als Brautschmuck zuführend, setzte sie mit dem Mutheeiner gcbornen Heldenseele das volle Menschenleben ein für das Gedeihen dieserHimmclspflanze in den Bergen Tirols. Sie war in diesem Berufe eines jenerhöchst interessanten Doppelwesen, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob das männ-liche oder weibliche Element in ihrer Art vorherrscht, ob der Muth des Heldendie Zartheit des Gemüthes überwiege. Ihr dunkelblickendes, sprühendes Auge,angeglüht von der geistig entflammten Innerlichkeit, ihr entschlossener Ausdruck,ihre Züge, in denen die weibliche Anmuth von niederhaltendem Mannesernsteumleuchtet ward, waren die geheimnißvollen Strahlen ihrer verborgenen Seelen-kraft, selbst die Liebsten nnd Vertrautesten mit strenger Ehrfurcht durchdringend.Deßhalb blieb sie, wie Alle ihresgleichen, fremd auf Erden ihr ganzes Lebenlang, den unsichtbaren Geisterkräften allein befreundet, selbst von ihren eigenenVerwandten mehr gefürchtet, als geliebt, ein lebender Schrecken für alle Religions-Feinoe im Lande, wie ein Gottesgericht einschlagend in die Nacht verstockterGewissen.
Was an ihr dem ersten Anscheine nach irdisch aussah, war der Zug ihresHerzens nach den religionsfreudigen, blüthenreichcn Erinnerungen ihrer italieni-schen Heimath, an die Männer, die ihre Jugend begeistert, an die Freuden heil.Unschuld in argloser Kindesseele, an die liebgewonnenen Formen des jugendlichenGottesdienstes. Sie blieb demselbeu unverbrüchlich treu bis zum Tode, stets bereiterAnhaltspunct aller Religionsströmnngen von Italien nach Deutschland , aushäl-tige Freundin der muthigen Männer, die lebenverachtend in's Gebirge eindran-gen zur Steuer der wahren Kirche, hold allen Ordensvereinen, die in Deutsch-land über das Verderben der Zeit gesiegt, sie heraussehnend zur Kampfarbeit aufdeutscher Erde. Aus diesem Dränge ihres Gemüthes gingen das Capuciner-kloster und der Servitenverein in Innsbruck hervor, beide die ersten ihrer Art inDeutschland , und von hier aus mit Glück vordringend in's deutsche Reich. — Ver-urteilt von lauen Höflingen, von Verwandten selbst als verschwenderisch undüberspannt getadelt, von Neuerungssüchtigen oft bitter angegriffen in ihrem Rück-schritt zur alten Kirche stand sie unbewegt in ihrer geistigen Eigenthümlichkeit,