mit Ausdauer und Gemüthsruhe, oft mit der genialen Findigkeit höherer Ge-dankenweihe einstürmend auf's vorgesetzte Ziel ohne Nebenblick, ohne Furcht —nur dem inneren Rufe folgend. Und diese fast übermännliche Seelenstärke standin keinem Verhältnisse zu ihrer schwächlichen Leibeshülle, und war daher fort-während der Grund zu schmerzlicher Krankhaftigkeit. Weit ausgreifend in ihrenChristusideen umschlang sie mit gleicher Innigkeit die zerstreuten Reste des Juden-volks, die Türken und Heiden, wie die in Irland verfolgten Glaubensmartprer,die Einen herüberbetend in den Schoß der Kirche, die Anderen auf alle möglicheWeise unterstützend. Daher gewährte sie auch zwei Jüdinnen und einer Türkin,die sie an Kindes Statt angenommen, den Schleier ihres Klosters, sich kindlichfreuend über diesen Seelengewinn.
Unter den lieben Adoptivkindern dieser Art zeichnete sich vorzüglich der Jr-länder O'dale aus, ein Knabe noch, mit seinen glaubensflüchtigen Eltern nachBelgien übergesiedelt. Hier starben Vater und Mutter bald, O'dale stand allein,arm, verlassen. Der Primas von Irland, Petrus Lombardus , ebenfalls land-flüchtig, nahm sich des Knaben an, schickte ihn zu studiren nach Rom , und unter-hielt ihn dort mit äußerst sparsamen Mitteln. Als sein Fortkommen daselbstunmöglich wurde, ging er auf das Anrathen seines Wohlthäters nach Köln zurück,unter der Obhut treuer Begleiter. Mit diesen kam er an die Gränzen Tirols,verlor sie ebenfalls durch plötzliches Unglück, und stand wieder allein, auf deutscher Erde, ohne Reisegeld, ohne Vaterland, ohne Kenntniß der deutschen Sprache. Inder Nähe von Innsbruck begegnete er zwei Capucincrn, diesen eröffnete er seineLage in gebrochenem Latein, sie empfahlen ihn der weltumfassenden Anna Julian«.Diese nahm den helläugigen Knaben als ein Gottesgeschenk freudig auf, als ihrliebes Kind, schickte ihn nach Hall, wo er, von ihr unterhalten, studirte und späterals erster Zögling in das von ihr gegründete Servitenkloster zu Innsbruck kam.„Ich vergaß — sagt er selbst — von dieser Zeit an mein Volk und das Hausmeines Vaters, und hing der Anna Juliana, meiner zweiten Mutter, an. IhrVolk wurde mein Volk, ihr Gott mein Gott." Er wirkte in Innsbruck segens-reich als Lehrer des Klosters in allen Fächern der Theologie, ein eben so gewand-ter Lateiner, als gründlicher Verfechter der katholischen Glaubenslehre. Alsseine zärtliche Mutter im Todeskampse lag, war er mit den übrigen Mitbrüdernseines Ordens gegenwärtig, er flehte hingestreckt auf die Erde vor ihrem Betteum den Segen, und netzte den Boden mit heißen Thränen; denn die einzigeverwandte Seele auf Erden sollte ihm entschwinden. Als aber die Todte rosen-haft erblühte, strahlend in reinster Himmelswürde, trocknete er seine Thränen abund Preßte das Todesbild seiner fürstlichen Retterin in die innerste Seele, daßes ein Frühling werde für seine eigene Erlösung aus den Banden des Leibes.Seine Vorstände nöthigten ihn, das Leben der Anna Juliana zu schreiben. Erthat es unter der Bedingung, daß es nach seinem Tode erst veröffentlicht werde.Darin spricht er sich aus mit aller Uebermacht des kindlichen Gefühls, mit allerFarbenfrische der grünen Berge von Erin, mit aller Beweglichkeit der blauenWogen um die Vorgebirge seiner Heimat. Dieser Jrländer, am Grabe derLandesfürstin, der Fremdling in den Bergen Tirols, die Fremdgebliebene prei-send in kühner, regelloser Sprache, mit den Ausbrüchen einer nur wenig gezügel-ten Phantasie setzt der Charakteristik des seltenen Weibes die Krone auf, undredet uns mit stummen Zügen die große Wahrheit an's Herz: „Der Glaubeder Katholiken umkreiset die ganze Welt, ohne Maß und Beschränkung, wie dieLuft des ewigen Himmels, seelenanziehend, seelcnvereinigend in göttlicher Liebe,unhemmbar durch irdische Macht, alle engherzigen Dämme nationaler Vorurtheiledurchbrechend, Alles verschlingend in die Flut heiliger Gottesbegeisterung, wogendund brausend ohne Rast, bis Ein Hirte aus Erden Eine Heerde regiert!"