Ausgabe 
20 (14.10.1860) 42
Seite
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Der Pfarrer von St. Agatha.

Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution.

1 . ^Von dem Dörfchen St. Agatha in den Tagen des Glückes. />(>

Noch am Ende des vorigen Jahrhunderts stand in einem der unbekanntestenund entferntesten Ecken des tieux8övie Departements in Frankreich ein Dörf-chen, wenn man das Häuser nennen durfte, was eher einem alten Bretterver-schlag oder einem Viehstalle glich. Die Mauern waren meistens aus Aesten zu-sammengefügt, die mit einem Pflaster von gehacktem Stroh und etwas Lehmüberzogen waren. Die Dächer waren mit Schilfrohr oder Stroh gedeckt. DieBewohner des Dörfchens, das unter den Schutz der h. Agatha gestellt war unddeswegen St. Agatha hieß, hatten von ihren Voreltern Armuth und mancherleiNoth geerbt, aber daneben auch ein Herz voll Biedersinn, Redlichkeit und Ein-falt. Es war, als habe der Geist des Hochmuthes, der Lüsternheit und anderer »Laster den Weg in dies^-abgelegene Gegend tnich gefunden. So war denn dasDörfchen bei allem äußern Elend Loch glücklich zu nennen, weil sich das Glückals eine Himmelsgabe nicht nach schönen Röcken und schönen Häusern richtet,sondern nach der Verfassung des Herzens, und goldene Herzen in schmutzigemKittel find, vielleicht eben so häufig, als schmutzige Herzen in goldenen Mänteln.

Ndch bei dem Ausbruche der französischen'Revolution, in den letzten Acht-zigerjahren, lebte als Pfarrer in dem kleinen Orte ein alter, ehrwürdiger, frommerGeistlicher, der schon bald nach seinem Antritt des Priesteramts, im Alter von25 Jahren, diese Pfründe übernommen hatte. Seit 50 Jahren war er der Ge-meinde Helfer, Tröster, Vater gewesen. Sein Pfarrhof, arm, wie die anderenHütten, stand dennoch jedem Hülssbedürftigen offen.

Er war im buchstäblichen Sinne berufen, den Armen das Evangelium zupredigen, den Gedrückten die Last des Lebens zu erleichtern, die Unwissenden zulehren, die Bedürftigen durch himmlische Gaben zu bereichern. Das that erdenn auch als ein getreuer Haushalter und war darum auch von allen Pfarr-kindern als Vater geehrt und geliebt, ja man nannte ihn nurVater Leonhard"dies war sein Name. A>" liebsten hatten ihn die Kinder, er aber sah vor allemauch darauf, diese für Gott zu gewinnen, und das in ihnen schlummernde Gute,den reinen einfältigen Sinn zu pflegen. In Voraussicht der traurigen Ereignisse,die bevorstanden, sagte er oft:Es werden böse Tage kommen und sie sind schonda, wo die Menschen glauben, sie brauchen keinen Gott mehr. Die sieben Tod-sünden werden regieren. Die Reichen werden geizig sein und den Nothleiden-den nicht nach ihrem Vermögen mittheilen und ihr Herz wird hart wie Steinsein. Die Armen hingegen werden wieder neidisch sein, und denen die mehrhaben als sie, Alles mißgönnen. Ueberall wird die Hoffart sich breit machendurch Putz und Gefallsucht durch Prahlerei und liebloses Urtheil über denNächsten; der Landmann wird sich in feine Tücher kleiden und nicht mehr zufrie-den sein mit der gewöhnlichen Hausmannskost. Die Menschen werden glauben,sie seien nur auf der Welt, um zu essen und zu trinken daher wird überallFraß und Völlerei herrschen. Die Unzucht wird in die Häuser eindringenund schreckliche Verwüstungen unter den Seelen anrichten. Viele werden durch dieUnkeuschheit aus einem Tempel des hl. Geistes ein Tempel des Satans werden unddem Leibe zwar lebendig, der Seele nach aber todt sein wenige Häuser wird esnur mehr geben, wo man Seelen findet, die ein reines Herz haben und dasselbe zuGott erheben. Selig, wer sich dann von dieser falschen Weisheit nicht bethören läßt;selig, wer in Einfalt des Herzens nur nach himmlischen Gütern trachtet:selig dieArmen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." (Forts, folgt.)

Redaction u,w Verlag: Dr. M. Huttlcr. Druck von I. M. Klei nie.