Ausgabe 
20 (21.10.1860) 43
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Fritz blieb, die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe legend.

So werde ich gehen." Mit diesen Worten verließ der Amtmann dasZimmer.

Der junge Mann war allein. Rasch nahte er dem Bette seines Vaters,von einem Gedanken plötzlich erregt. Ein Griff unter das Kopfkissen, und dieHauptcassenschlüssel waren sein. Die Ehre der Welt gebot, die Ehre Gottesund seiner selbst verbot diese Handlung. So stand er, äußerlich ruhig, innerlichvon heißem Kampfe durchtobt, und Stunde nach Stunde verrann.

Wiederum erschien der Amtmann.Noch hier?" fragte er finster.Geh' schlafen, damit du morgen zeitig in die Stadt zurückkehren kannst! Ichwill Dir leuchten."

Als Beide in Fritzens Schlafzimmer waren, warf sich der Sohn noch einmalzu des Vaters Füßen. Auch Mutter und Schwestern unterstützten seine Bitten,allein vergeblich.

Unten im Dorfe schlug es zehn Uhr. Bei seiner Rückkehr traf der Amt-mann August im Cassenzimmer, ihn erwartend, wie es schien.Verzeihung!"stammelte Finner verlegenSchon zweimal war ich hier, ohne Sie oderFritz zu treffen. Nun beschloß ich, Sie zu erwarten."

Womit kann ich dienen?" fragte der alte Jost.

August ward immer verlegener.Sie wollen Ihrem Sohn nichthelfen?"

Aus Grundsätzen. Augenblickliche Hilfe stürzt ihn für immer in's sittliche,wie zeitliche Verderben. Augenblickliche Gefahr rettet ihn vielleicht für's ganzeLeben."

Verweigern Sie ihm wenigstens nicht die Unterstützung eines Freundes!Meine Ersparnisse betragen freilich nur zehn Gulden."

Braver Mann! Dieser Abend hat mir einen Sohn verloren, und einenneuen gewonnen. Mein Dank für Ihren Edelmuth kann nur im unbegrenztestenVertrauen bestehen. Furcht vor Entehrung sei meinem Fritz die einzige Strafefür die Unruhe, welche er über mich gebracht hat, und einst über sich selbst brin-gen wird, wenn er sich nicht bessert. Die in drei Tagen verfall'ne Schuld solleiner meiner Stadtfreunde mit der ihm bis dahin von mir übersandten Summetilgen." Dies sprechend, drückte er Finners Rechte. Beide suhlten das Zitternihrer Hände.

Als der Alte allein war, nahte er dem Bette. Die Schlüssel lagen un-verrückt.Gott ! ich danke Dir" rief er, auf die Kniee sinkendmeinSohn ist kein Verbrecher geworden." Dann schrieb er bis in die tiefeNacht.

Des andern Morgens schloß er Fritz zärtlich in seine Arme.Du hilfstmir?" fragte Fritz, freudig überrascht.

Nein" entgegnete der Vater fest, aber doch milder, als gestern, undruhiger, wenn auch nicht heiter, trat Mariens Bruder die Reise in dieStadt an.

Einige Stunden nach diesem Auftritte stürzte der alte Jost in das Zimmerseiner GattinJohanna!" schrie er mit herzzerreißender Stimme:DieCasse ist bestohlen, und mein Sohn der Dieb."

Heinrich!" versetzte die arme Mutter, einer Ohnmacht nahe.Gestern entzogst du deinem Sohne die väterliche Liebe, heute nimmst du ihmdie Achtung."

Urtheile selbst! Nicht wahr: mein Schlafzimmer, in welchem die Casse sichbefindet, ist immer verschlossen und der Schlüssel fast stets in meiner Tasche?Weiter! Niemand hält sich in diesem Zimmer auf, ausser in meinem Beisein.Nur gestern ließ ich Fritz mehrere Stunden allein daselbst strotz einer verfäng-