„Wie sollt' ich Böses vom Bruder plaudern, der nichts Böses that!"
Des andern Tages war der Amtmann in die Stadt gegangen. Mutterund Kinder lagen am Abende im brünstigen Gebete. Da ward heftig vor derHausthüre geschellt.
„Der Vater kommt. Kehre mit ihm Gottes Segen ein!" — rief dieMutter und eilte zu öffnen.
Vater und Sohn traten ein. Die Mutter stieß einen Schrei aus.Schweigend gingen sie in's Zimmer. — „Fritz will Abschied nehmen" — hubder Amtmann an.
„Was heißt das?" — fragte die Mutter erschüttert.
„Das heißt, daß ein Verbrecher" — fiel der alte Jost ein.
„Vater!" — unterbrach ihn Fritz — „Nicht vor Mutter und Schwesternwill ich meine Unschuld betheuern. In ihren Zügen lese ich ja die hartenWorten Deines Mundes. Nur um Vergebung flehe ich für die dem Mutteraugeabgepreßten Thränen. Sie haben sich in einem Kelch gesammelt, welchen ichjetzt austrinken muß bis zur Hefe."
„Ich vergebe Dir Deine Fehltritte. Geh' mit Gott ! Du bist nicht immermit ihm gegangen" — sagte die Mutter weinend.
„Mutter!" — begann Fritz von Neuem, in Thränen ausbrechend —„Deinen Segen! Ich gehe an den Rhein , mich Lei'm dortigen Hilfscorps an-werben zu lassen."
„Gott segne Dich durch meine Hand!" —versetzte Frau Jost feierlich underhob die segnende Rechte über den knieenden Sohn.
„Marie!" — sagte Fritz mit bittendem Blicke — „Auge und Hand wendestDu von mir, ist auch Dein Herz von mir gekehrt?"
„Nein, nein!" — rief diese heftig erschüttert — „Gott bess're Dich!"
Lautschluchzend trat Emma herzu und klammerte sich fest an ihren Bruder. —„Bleibe, bleibe bei uns!" — schrie sie mit durchdringender Stimme — „Innighabe ich im Kirchleiu zu Marien und ihrem Kinde gefleht, daß die Strahlenihrer himmlischen Sonnen auf deine Schuldlosigkeit fallen möchten, habe die vonder Mutter geschenkte Schaumünze in den Opferkasten geworfen, und die gött-liche Jungfrau und ihr Kindlein verschmähten die Gabe nicht, lächelten mirzu. Deckt nun der Himmel Deine Unschuld auf, und Du weilst uns ferne, werbringt Dir diese Freudenbotschaft?"
„Herzliebes Schwesterchen! Tausend Dank Dir für Deinen Glauben anmeine Unschuld!"
Jetzt vernahm man leise Tritte im Hausgange. Der Amtmann öffnete ge-rade die Zimmerthüre, als Finner die Treppe in's obere Stockwerk, woselbst erwohnte, hinaufgehen wollte.
„Verzeihung!" — stotterte er betreten — „Ich fand die Hausthüreoffen."
„Wahrscheinlich aus Versehen offen geblieben" — entgegnete der Amtmann.
„Hierher, August!" — begann Emma — „und halte Fritz fest, daß eruns nicht verlasse!" — Die Kleine zupfte an Finners Rockschooße und zog denZaudernden vollends in's Zimmer.
Plötzlich fiel etwas Klingendes auf den Boden. Emma hob es rasch indie Höhe. — „Das ist ja die von mir der Gottesmutter geschenkte Schau-münze" — rief sie verwundert. Finners widerstrebende Bewegung gegen Emma'sdrängende Gewalt mußte der Münze in der überfüllten Tasche seines Roä-schooßes den verräterischen Ausgang geöffnet haben. Auch der Verrathenebückte sich hastig, das Uebcrführuiigsmiltel seiner Schuld uneingeweihten Blickenzu entziehen. Allein ein zweites Geldstück entfiel seiner Tasche.