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Alle standen, wie vom Donner gerührt. Marie allein hatte sich niedergelassen, denn ihre Füße vermochten sie nicht zu tragen. Herr Jost erholte sichzuerst von seinem Schrecken. — „Die Schlüssel zu Ihrem Zimmer, Herr Fin-ner!" — begann er ernst, aber ohne Bitterkeit.
„Was ich besitze" — entgegnete der Genannte niedergeschlagen — „ver-danke ich Ihrer Güte, fünf Zehnguldenrollen, mit deren Entwendung ich IhreLiebe vergalt, und das im erbrochenen Opferstocke des Kirchleins gefundene Geldausgenommen."
„Herr Finner!" — fuhr der Amtmann in demselben Tone fort: — „keinVorwurs komme über meine Lippen I Der Anblick meiner durch Sie unglücklichenTochter, welche bewußtlos zu Boden liegt, meiner Gattin, welche mit stillerErgebung ihr armes Kind in's Leben zurückzurufen sucht, sei Ihre Strafe!"
Fritz trat auf den Vernichteten zu: „Gehen Sie" — sagte er dringend —„statt meiner zur Rheinarmee! Fliehen Sie noch diese Nacht, bevor Sie derArm der Gerechtigkeit erreicht!"
„Nein!" — versetzte August fest — „So viel Edelmuth erdrückt mich.Nur die Sühne vor dem Gesetze kann mich mit Gott, mit Ihrer Familie, mitmir selbst aussöhnen. Diese Nacht sei meine letzte in Ihrem gastlichen Hause!" —Der Sprecher ging mit einem Blicke voll unbeschreiblicher Wehmuth auf Marien.
Finner konnte nicht Wort halten, denn das göttliche Gericht griff dermenschlichen Gerechtigkeit vor. Man fand ihn des anderen Morgens todt imBette. Ein Schlagfluß hatte sein Leben geendet. Die Persönlichkeit des un-glücklichen Verbrechers konnte nie ermittelt werden, da seine Erzählung bei'mersten Erscheinen in des Amtmanns Hause wohl schwerlich auf Wahrheitberuhte.
Fritz sank bei'm Anblicke der Leiche August's an des Vaters Brust mitdem Ausrufe: „Ich will mich bessern." — Dann schloß er sein Schwesterchen indie Arme — „Dein Gottvertrauen hat mich vom ewigen, Marien vom zeitlichenVerderben gerettet" — sagte er mit Thränen im Auge.
„Und die lieben Eltern lehrten mich dies Gottvertrauen" — erwidertedas gute Kind.
Der Pfarrer von St. Agatha.
Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution.
(Fortsetzung.)
2 .
Wie große Noth über das Dorf hereinbricht.
Die Revolution in Frankreich war seit einigen Jahren ausgebrochen, hattebereits mit Flammen und Schwert alle Hauptstädte, alle Städtchen und größernDörfer durchzogen. Der uralte Königsthron des heiligen Ludwig war gestürzt,die Religion, so weit es in menschlicher Macht lag, vernichtet und ein neuesStaatsgesetz gegründet. Es war zu hoffen, daß indessen alle diese Vorgänge dasarme Dörfchen St. Agatha nicht berühren werden. Doch dem war nicht also.Eines Abends, als der ehrwürdige Pfarrer vor seiner Hütte saß und eben ineinem alten Buche blätterte, trat ein etwas wild aussehender Mann mit einemBriese in der Hand vor ihn. Es war ein Schreiben von der höchsten Stelledes Departements, wodurch er aufgefordert war, aufdieBürger Constitu tionder Geistlichkeit, wie man sie damals hieß, den Eid zu leisten; widrigenfalls ervon seiner Pfründe abtreten und seine Amtsverrichtungen einstellen sollte. Be-kanntlich enthielt jene Konstitution Dinge, die ein katholischer Priester, ohne ander Kirche treulos und ein Verräther zu werden, nicht beschwören durfte. Da-