Ausgabe 
20 (27.10.1860) 44
Seite
346
 
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erste huldigt dem Wechsel als der Grundbedingung ihrer Existenz. Stetigkeitist das innerste Wesen der zweiten. Unwandelbar, unerschütterlich ist die geistigeSchöpfung als Ganzes, und die Pforten der Hölle haben sie nicht überwältigt.Die Weihe der Unerschütterlichkeit will sie allen ihren Gliedern auf dieser Erdemittheilen durch die Fülle ihrer Wahrheiten, die Schätze ihrer Gnadenmittel,und zwar nicht nur sür's ewige Leben im Himmel, sondern auch jetzt schon fürdie Zeit des Kampfes auf Erden. Wer ein Mitglied der triumphirenden Kirchewerden will, muß ein wahrhaftes Glied der streitenden Kirche gewesen sein.Welche dieser beiden Schöpfungen nun als in allen Beziehungen die heiligere,vollkommnere wird den Stempel der göttlichen Schönheit in höherem Lichte ansich tragen: die von der allwirkenden Macht, oder die von der allleidenden Liebeam Kreuze in's Dasein gerufene? Betrachten wir die katholische Kirche alsBindeglied zwischen Gott und Mensch! Gott ist das Urbild der Schönheit, derMensch das Ebenbild der göttlichen Schönheit. Und die Kirche, die von Gottfür den Menschen bestimmte und den Menschen für Gott bestimmende, sollte alleEigenschaften ihres göttlichen Stifters und nur die Schönheit nicht an sich tra-gen? Freilich ist der Begriff dieser himmlischen Schönheit übersinnlich, der Ge-gensatz unsrer sinnlichen Anschauungsweise. Suche deßhalb die Schönheit derkatholischen Kirche, die Schönheit der katholischen Religion als des Lehrgebäudesdieser Kirche nicht in gewählten Worten von der Kanzel herab, oder aus Büchernheraus zur Befriedigung deiner sinnlichen Denk- und Empfindungsart! Suchesie vielmehr in ihrer Verkörperung am Leben der Heiligen, in ihrer Vergeisti-gung am Brode des ewigen Lebens, welches Brod alle Lust in sich begreift!

Es genügt indeß nicht, am Leben der Heiligen zu suchen, was wir anuns selbst finden sollten: die Bethätigung nämlich der christlichen Wahrheitenin unserm Leben durch ihre Befolgung im Geiste des Herrn. Wer nun dasWort des Herrn im Geiste Gottes erfüllen will, der muß dasselbe im Geistekennen lernen. Der Geist Gottes aber ist der Geist der Demuth, der Geist derHingebung an Gott nach dem Vorbilde Jesu, welcher sich den Menschensohngenannt, und ausgerufen hat:Vater! nicht mein sondern Dein Wille geschehe!"Da nun die Anhörung von Predigten und die Lesung geistlicher Bücher Haupt-erkenntnißquellen der göttlichen Lehre bilden, so müssen wir aus diesen Quellenim Geiste demüthiger Unterwerfung schöpfen. Nicht dem Vortheile unsreskurzsichtigen Verstandes, sondern ganz der Erkenntniß des göttlichen Wortes zumZwecke der Erfüllung sollen wir uns hingeben. Gehören wir z. B. dem gebil-deten Stande an, so sollten wir vorzüglich folgende drei Puncte erwägen:

1) Nicht der Rang vor der Welt, sondern der Rang vor Gott , nicht eitleWissensfülle, sondern brünstige Liebesfülle zu Gott bestimmen den Grad derwahrhaften Bildung, welche nicht, wie häufig die Weltbildung, das Herz unbe-achtet läßt. Haben uns nun in dieser wahrhaften Bildung nicht schon vieleHeilige beschämt? Beschämen uns vielleicht nicht noch Mache, welche wir für großeSünder halten?

2) Alle Prediger haben als Diener Christi das göttliche Wort erfaßt,denn der Geist des Herrn ist über sie gekommen.Ich bitte Dich, daß Du dieGnade Gottes wieder erweckst, welche Dir durch Auflegung meiner Hände zuTheil wurde." 2. Tim: 1, 6.1. Tim: 4. 14. Nicht Alle jedoch besitzen dieFähigkeit, das erfaßte Wort in glänzende Perlen zu fassen, welche dein geistigesAuge blenden und dennoch lichtlos find gegen die Strahlen der von ihnen um-kleideten göttlichen Wahrheit. Ferner gibt es viele Menschen, deren Bildungausschließlich in der Einfalt ihres Herzens, in einem frommgläubigen Gemüthebesteht. Diesen genügt die Wahrheit in schmucklosem Gewände, und sie verdienenum so größere Berücksichtigung, als sie vielleicht der ächten Bildung näher kom-men, denn die gebildet sein Wollenden. Endlich, wenn Du Dich wirklich begabter,