Ausgabe 
20 (27.10.1860) 44
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kenntnisreicher fühlen solltest, als der Verkünder des göttlichen Wortes, so fragegar nicht:Beruht dies Gefühl nicht auf selbstgefälliger Einbildung?!" Einesolche Frage beschäftigt sich mit der Form als etwas Ausserwesentlichem im Ver-gleiche zum Inhalte. Sie ist ferner eine Frage des Hochmuths, und ihre Be-antwortung mit ja hieße im Hochmuthe verharren. So fragt nicht ein gläu-biges Gemüth, welches um das Verständniß des göttlichen Wortes besorgt ist,sondern ein selbstsüchtiger Geist, der sich mit seinem eigenen Verstände beschäftiget.Unterwirf Dich also in Demuth unbedingt dem göttlich vollkommnen Worte ausdem Munde eines unvollkommenen Menschen! Erkenne in dieser Selbstver-demüthigung einen Schritt zur Selbsterkcnntniß, in der Selbsterkenntniß abereinen Schritt zur Gotterkenntniß!

3) Diese Selbsterkenntniß fragt nicht nach unserm Wohlgefallen am Vor-trage des göttlichen Wortes, oder gar am göttlichen Worte selbst, sie fragt viel-mehr nach dem göttlichen Wohlgefallen an uns. Sie will unser Herz in eingutes Erdreich wandeln, in welchem die Körnlein des göttlichen Wortes sprossenund Früchte bringen. Sie lehrt, daß nicht der Mensch, sondern Gottes Gnadein ihm das Vollbringen gibt, und daß Gott seine Gnade nur den Demüthigenmittheilt.

Die Tadler an der Form des göttlichen Wortes sind minder hoffärtig,minder gefährlich, als Jene, welche bald das göttliche Wort selbst, bald seineVerkünder, bald seine Hörer und Anhänger ihrem bittern Tadel unterbreiten.

Wer über die göttlichen Wahrheiten freventlich urtheilt, der hat nicht diese,sondern sich selbst verurtheilt. Wer sie vor den Augen der Welt verwirft undin seiner Verwerfung beharrt bis zum letzten Tage seines Lebens, den wirdauch der Herr vor den Augen der Welt verwerfen am Tage des allgemeinenGerichts.

Mensch, der Du Dich einen Christen nennst, warum urtheilst Du über dieDiener Christi in der Erfüllung ihres Berufes, in ihrem Lebenswandel? Wisse:nicht die Seele Deines geistlichen Hirten wird von Dir gefordert werden, wohlaber Deine Seele von Deinem geistlichen Hirten. Wehe dem Priester, welcherAergerniß gibt! Wehe aber auch dem Laien, welcher aus Lieblosigkeit Aergernißnimmt! Der Ausspruch eines heiligen Bischofs möge uns Alle beruhigen!Wieoft" sagt der fromme Mannhätte ich vor meinem Beichtkinde nieder-knieen und ausrufen mögen:"Du bist heilig, ich aber ein großer Sünder!"

Warum urtheilst Du, o Christ! über Deinen Nebenmenschen, indem Dusagst:Dieses, oder jenes Wort möge Dieser, oder Jener sich zu Herzennehmen!"

Die christliche Religion ist eine Relgion der Liebe, Du aber willst sie zueiner Religion des Hasses entweihen. Christus jagte die Käufer und Verkäuferaus dem Tempel, den sie zu einem Kaufhause gemacht hatten. Dich sollte er insein Reich eingehen lassen, nachdem Du seine heilige Wohnstätte zur Richtstätteüber die Ehre Deines Nächsten gewählt hast?

Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute.

(Fortsetzung.)

Als der wilde Fanatismus der europäischen Revolution die meisten Ordens-fraucn aus den stillen Zufluchtsstätten des beschaulichen Lebens vertrieben hatte,sahen sie bald ein, daß, so lange eine solche antireligiöse. Richtung die Zeit be-herrsche, ihre Rückkehr nur möglich sei durch das Thor der Spitäler und Schulen.Und fürwahr! Armuth des Geistes und des Körpers waren und sind jene beiden