Ausgabe 
20 (4.11.1860) 45
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Der Dictator wohnt in dem königlichen Palast; eben nicht sehr demokra-tisch! Es ist unmöglich, ohne Karte Audienz bei ihm zu bekommen; auch dasist wenig populär, doch was liegt den Leuten daran? Lambelin hatte keineKarte. Er händigte statt dessen dem wachthabenden Officier das Schreiben desContre-Admirals ein, und sagte ihm, daß er mit dem Dictator in einer sehrdringenden Angelegenheit zu verhandeln habe. Ein Officier führte ihn durchsehr viele Salons und zahlreiche Schildwachen bis zu einem Vorzimmer, worinsich der dienstthuende General-Adjutant befand. Dieser meldete ihn bei Gari-baldi an, der in sogleich eintreten ließ. Der Officier führte den Jesuiten ein,welcher hier eine ganz unerwartete Ausnahme fand.

Der Dictator bewohnte ein sehr einfaches Zimmer in dem Pavillon überdem neuen Portal des Palastes. Es fand sich dann ein kleiner leerer Tischvor, von ärmlichem Aussehen, und einige ganz gewöhnliche Sessel. Der Jesuitglaubte sich bei diesem Anblick in seine Zelle versetzt. Bei seinem Eintritt erhobsich Garibaldi, nahm für den Pater einen Sessel und setzte sich mit ihm nieder.Der Dictator trägt eine rothe Blouse von Flanell, wie unsere Metzger; eintrauriges Sinnbild des vielen Blutes, das er fließen läßt! Ein lederner Gurtschließt über diese Blouse seine aschgrauen Pantalons; ein trauriges Bildso großer Verheerungen! um seinen Hals hängt nachlässig ein Tuch, das inForm eines Dreiecks doppelt gelegt, kunstlos zusammengerollt und im Nackengeknüpft ist. Dies ist die vorschriftsmäßige Kleidung der Garibaldianer.

Wäre der Pater nicht ganz anders berichtet gewesen, er hätte geglaubt,daß er es hier mit einem Diener, nicht aber mit dem Herrn zu thun habe.Uebrigens ist Garibaldi ein schöner Mann, von mittelmäßigem Wuchs, schön-gebautem Körper und verräth ein Alter von 50 Jahren. Seine schlanke Gestalt,die durch einen Bart noch verschönert wird, trägt keineswegs die wilden Zügeund das geheimnißvolle Anzeichen seiner verruchten Thaten an sich, sondern scheintvielmehr Spuren von Güte und Zuvorkommenheit zu verrathen. Er empfängtdie Fremden sogar mit vieler Würde.

(Fortsetzung folgt.)

Die neueren religiösen Frauen-Jnstitute.

(Schluß.)

Die Regierungsform in den neueren religiösen Frauen-Jnstituten ist mo-narchisch. An der Spitze steht die General-Oberin, der einige Frauen zur Assi-stenz beigegeben sind. Diesen sind untergeordnet alle Localoberinnen der ein-zelnen Filialen. Erst die neuere Zeit hat das Institut der Generaloberinnenausgebildet. In dem geistlichen Rechte suchen wir vergebens einen Canon, derdie Rechte und Pflichten einer Ordensfrau angibt, die eine gewisse Gewaltnicht blos in dem Umfange einer Diözese ausübt, sondern über Häuser sogar,die in verschiedenen Saatsgebieten, ja in verschiedenen Welttheilen liegen. Dieallgemeine Kirchenversammlung von Trient bestimmt vielmehr (25. Sitzung),daß die Superiorität einer und derselben Ordensfrau nur über ein einzigesHaus sich erstrecke. Erst durch die Erfahrung mußte sich allmälig herausstellen,weche Regierungsprinzipien für diese neueren Institute unter den mannigfachenVerhältnissen heilsam, nützlich und nothwendig seien, und welche nicht. Daherdie Erscheinung, daß der hl. Stuhl anfänglich die ersten Generaloberinnen aufein sehr geringes Maß der Gewalt einschränkte, und erst später größere Voll-machten verlieh. Für alle neueren religiösen Frauen-Jnstitute überhaupt wichtigist die Entscheidung Benedicts XlV. zu Gunsten der englischen Fräulein inMünchen i. I. 17^9. Darnach hat die General-Oberin das Recht, t) alle