Issue 
20 (04/11/1860) 45
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Eine doppelte:, einmal der Begriff irgend eines sittlichen Vorzuges, unddann der Inbegriff mehrerer solcher sittlichen Vorzüge. Wir wollen sehen, inwiefern die Rose diese letzte Bedeutung des Tugendbegriffes versinnbildet.Warum, glaubst Du, ist diese Blume die Königin der Blumen?

Jede Blume hat irgend einen Vorzug: die eine Schönheit der Farbe, dieandere Lieblichkeit des Geruches, eine dritte Zartheit der Form. In der Rosenun findet nicht nur eine Vereinigung, sondern auch eine Steigerung dieserEigenschaften statt.

Getroffen. Warum indessen wähnst du steigen diese Eigenschaftenin der Rose zu einem Hähern Grade der Vollkommenheit?

Ei, weil ein Vorzug den andern emporhebt, ihn erst ins rechte Licht setzt.

Dasselbe ist nun beim Tugendhaften der Fall. Er erstrahlt nicht inEinem, sondern in mehreren sittlichen Vorzügen. Er beherrscht durch diese Ver-vollkommnungen seine Mitmenschen, die unwillkübrlich sich vor ihm beugen, ent-weder in Verwunderung oder Liebe, oder im edlen Nachahmungseifer. SeineVorzüge endlich heben sich selbst gegenseitig und zwar auf doppelte Weise.

Wie das, liebe Mutter?

Einmal in den Augen der Menschen. Wie wir den Purpur lieber aneinem Gewände bewundern, wo sich mit der Schönheit der Farbe das Ebenmaßder Form paart, als an einem mißgestalteten Lappen; in gleicher Weise ge-wahren wir die Aeußerungen der Andacht lieber auf den Lippen des Sanft-mütigen, als auf jenen des Schmähsüchtigen. Zeigen wir an diesem Beispieledie zweite Art der gegenseitigen Erhebung!

Diese, liebe Mutter! ist das innere Wachsthum der Tugend.

Woraus schließest Du das?

Ich denke: wenn das Wohlgefallen die Wirkung der Tugenden in denAugen der Menschen ist, so müssen sie doch auch eine Wirkung in den AugenGottes, in sich selbst haben, da sie ja ihren Zweck im Gottesurtheile und insich, aber nicht im Menschenurtheile tragen.

Du denkst richtig, denn jeder Selbstzweck kann nur der des Wachsthumes,der Vervollkomnung sein. Glaubst Du nun, daß wahre Andacht in einem liebe-vollen Herzen leichter gedeihe, als in einem zur Schmähsucht sich neigendenGemüthe?

Freilich, denn die Liebe gegen Gott und die Nichtliebe des Nebenmenschen,welche letzte die Quelle der Schmähsucht ist, bilden einen Widerspruch. Einsolches Gemüth muß also letztere unterdrücken, bei seiner Schwäche oft unter-drücken, die Andacht zu erstreben. Aber, Mutter! wir haben rothe und weißeRosen. Gibt es denn auch zweierlei Begriffe von der wahrhaften Tugend?

Nein. Es gibt nur eine Wahrheit, nur eine Wahrhaftigkeit, also auchnur einen wahrhaften Gesammtbegriff der Tugend, welcher sich indessen in denverschiedensten Ausflüssen vereinzelt und verkörpert. Was nun die Blume ingetrennter Gestaltung versinnbildet, das vereinigt in Wahrheit der menschlicheHerzenstempel der Tugend. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Unsre Seelemuß rein sein von niedrigen Leidenschaften. Roth ist die Farbe der Liebe.Unser Gemüth muß erfüllt sein mit erhebender Liebe zu Gott ; dann erst wirdin unser Herz die Tugend einziehen.

Ist denn diese Reinheit und Liebesfülle eine leichte Aufgabe?

Nein, ihre Erlangung und Bewahrung erfordern unsäglichen Kampf.Und diesen Kampf versinnbildet die Rose auf die schönste, erhabenste Weise:Keine Rose ohne Dornen; keine Herzensreinheit und Gottesliebe ohne denStachel der Entsagung, welcher unsre Fleischeslust verwunden und ertödten muß.