Der Pfarrer von St. Agatha.
Eine rührende Geschichte aus den Zeiten der französischen Revolution.
(Fortsetzung.)
4 .
Der Pfarrer lehrt zurück.
Aengstlich hatte indessen der fromme Greis in der Köhlerhütte gewartet,was da kommen sollte; den ihm ahnete nichts Gutes für seine Heerde. GegenMittag sah er mit Schrecken, wie der Himmel gegen die Richtung von St.Agatha sich röthete. Er hieß einen der Männer, die bei ihm waren, auf einenBaum klettern, um zu sehen, was das wäre. Der Mann kletterte auf einehohe Tanne und sah leider, wie das ganze Dorf in Flammen stand. Bald dar-auf hörte man Jammer und Wehklagen durch daz dichte Gehölze erschallen.Es kamen einzelne Weiber und Kinder mit weinenden Augen und zerrissenenKleidern, ein wahres Bild des Jammers, und erzählten weitläufig alles, wasgeschehen. Da brach der Pfarrer in lautes Weinen aus und klagte sich selberan, daß um seinetwillen so großes Unheil über sein Volk gekommen sei. „Ichmuß wieder zu ihnen, ich muß sie sehen, muß sie trösten." So sprach er. Eshals alles Abwehren der ihm beigeordneten Männer nichts, und der Greis eilteaus seinem Schlupfwinkel heraus, drängte sich durchs Gebüsch und bald stander außerhalb des Waldes.
Welch ein trauriges Bild sah er nun vor sich. Einige Schutthaufen be-zeichneten die Stelle, wo das Dörfchen St. Agatha gestanden. Noch wirbelteder Rauch empor und die Mauertrümmer der Kirche standen in Mitte der Ver-wüstung wie ein verstümmelter alter Krieger auf dem Schlachtfelde unter denLeichen seiner Bruder.
Traurig aber war der Anblick der unglücklichen Dorfbewohner, die sichmit dem Wenigen, was sie aus den Flammen retten konnten, und mit demübergebliebenen Vieh aus dem Felde gelagert hatten. Hier Weiber, die sich dieHaare zerrauften, Kinder, die unaufhörlich nach Brod schrieen, und die Mutterkonnte ihnen keines mehr geben, Männer, die stumm und starr mit dem Blickeder Verzweiflung auf den Boden sahen. Doch der fromme Priester-Greis kamimmer näher und näher — da hieß es auf einmal: „Unser Vater kommt" —und die Betäubten erwachten ein wenig und gingen ihm entgegen. Er kammit entschlossenem Herzen, sie aufzurichten und zu trösten, aber als er ihreThränen sah, ihr Schluchzen hörte, da brach auch seine Kraft, und weinend riefer: „Kinder, warum habt ihr das gethan? warum mir kein Wort gesagt? warummeinen Aufenthalt dem Commandanten nicht endcckt? Waren denn die weni-gen Monate oder Tage, die ich noch zu leben habe, es werth, so theuer erkauftund bezahlt zu werden? Was gilt mein graues Haar gegen die rothen Wangendieser unschuldigen Kinder, die starken Arme dieser Jünglinge und Männer."Aber die guten Leute erwiderten ihm ganz einfach: Er sei ihr Vater, seinLeben um jeden Preis zu erkaufen, sei Pflicht der Gerechtigkeit gewesen, jenerGerechtigkeit, von welcher er ihnen so oft geprediget, sie sollten darnach hungernund dursten; werden sie nun auch großen Mangel und Noth leiden, sie wollengerne alles erdulden, da er nun gerettet sei; haben sie auch kein irdisches Brodmehr, der Mensch lebe ja nicht vom Brode allein, und auch so seien sie selignach dem Worte: „Selig, die da hungern und dursten nach Gerechtigkeit, dennsie werden ersattiget werden."
5 .
Der Pfarrer wird verrathen.
Drei Tage nach diesen schrecklichen Vorfällen saß der Volksrepräsentant, dernach St. Agatha gezogen war, in seinem Arbeitszimmer zu Niort , wo er sich