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so eben mit dem öffentlichen Ankläger und dem Henker über die Mittel besprach,die Aufrührer durch gewaltsame Maßregeln zu schrecken und sie zur Pflicht zu-rückzuführen. Sie waren noch nicht lange beisammen, als man einen alten Mannin das Zimmer führte. Dieser ging gebeugt an seinem Knotenstock einher, seinHaupt war kahl, der Blick aber voll Leben und Feuer; die ärmliche lange
schwarze Kleidung ließ in ihm einen Geistlichen vermuthen; die bestaubten
Schuhe zeigten an, daß er einen weiten Weg hieher gemacht.
„Bürger Repräsentant", sagte der eingetretene alte Mann, indem er sich
ihm muthig näherte, „Sie ließen in St. Agatha bekannt machen, es sollen dem-jenigen, der den Pfarrer jener Gemeinde ausliefere, 20,000 Francen ausbezahltwerden. Geben Sie mir diese versprochene Summe und ich verspreche Ihnendagegen den genannten Pfarrer auszuliefern."
So sehr auch der Beamte an die Schlechtigkeit der Menschen gewohntwar, so schauderte er doch bei dem unerhörten Antrag, mit welchem ein Mann,der nur noch einige Schritte vom Grabe entfernt war, ihm den Kopf eines andernGreises gleichsam zu Füßen legen wollte. „Priester", sprach er erstaunt, „wieist es für einen Mann Ihres Standes und Alters möglich, mir ein solchesAnerbieten zu machen?"
„Nicht so unmöglich, als Sie glauben. Wollen Sie es annehmen?"
„Ich nehme es an, aber das vergossene Blut falle zurück auf Ihr graues Haupt."
„Nun ja; so geben Sie die versprochenen 20,000 Francen heraus."
„Sobald Sie mir den Schurken von St. Agatha ausliefern."
„Versteht sich. Aber merken Sie wohl, ich verlange überdies, daß Sie mirdie nöthige Zeit und Mittel gewähren, um das Geld, sobald ich es gewonnenund erhalten habe, nach meinem Belieben zu verwenden."
„Wie könnte ich Ihnen Zeit und Mittel zu solchem Vorhaben verweigern?Gehört Ihnen denn das Geld nicht eigenthümlich zu, sobald Sie es erhalten?"
„Daß weiß ich alles. Versprechen Sie mir nur einstweilen, um das ichbitte; ich habe meine guten Gründe, auf diesem Puncte zu bestehen."
„Zwar sehe ich nicht ein, wozu das dienen soll, doch verspreche ich Ihnenals wahrer Republikaner feierlich, die nöthige Zeit und Mittel zu gewähren,um über den Lohn dieser Schandthat zu verfügen."
„Nun gut. So geben Sie mir das Geld, denn ich selbst bin der Pfarrervon St. Agatha und ich überliefere mich in Ihre Hände.
„Sie!" schrie der Repräsentant, der vor Erstaunen plötzlich Ton undSprache änderte, „Sie — Pfarrer von St. Agatha?
„Ich selbst", erwiderte kaltblütig der Alte.
„Und Sie wollen sich mir selbst überliefern?"
„Ich liefere mich aus, um die versprochenen 20,000 Fr. zu erhalten."
„Was wollen Sie mit dem Gelde anfangen? Wissen Sie nicht, was Jhneybevorsteht? Sie sind außer dem Gesetze."
„Eben darum verlange ich die bewußte Summe und will auf der Stellezu meinen Pfarrkindcrn nach St. Agatha geführt werden."
„Was willst du dort?"
„Das mögen die Wachen erzählen, die Sie mir zum Geleite dorthin geben."
Der Repräsentant zahlte dem Pfarrer die 20,000 Francen in Papiergeldaus, welche dieser sofort in seine Brieftasche legte, und nun verlangte, ohneVerzug in sein zerstörtes Dörfchen zurückgeführt zu werden, um dort eine derschönsten Thaten auszuüben, und sich so bei seinem baldigen Tode Gottes Er-wärmung zu sichern nach dem Worte: „Selig sind die Barmherzigen, denn siewerden Barmherzigkeit erlangen." (Schluß folgt.)