Was ist das gegenwärtige Leben?
Man fragte einst einen Philosophen, was das gegenwärtige Leben sei,und er antwortete: „Es ist die Reise, die ein Verbrecher, nachdem man ihmsein Urtheil verlesen, von seinem Kerker bis an die Gerichtsstätte macht."
In der That sind wir Alle vom Mutterschooße aus zum Tode Verdammte,und wir gehen daraus nur hervor, um uns an unsere Todesstätte zu begeben.Zwar verbindet man uns die Augen nicht, wie den Verbrechern; allein, wasauf vas Nämliche herauskömmt, man verbirgt uns die Todesstätte. Wir rückendiesem Orte immer näher, aber ohne zu wissen, wo er ist, und ohne zn wissen,ob wir demselben nahe oder ferne sind. Alles, was wir wissen, ist dieses, daßwir uns ihm alle Tage nähern, daß wir ihm heute näher sind als gestern, daßwir einst dahin werden gekommen sein ohne es zn wissen, und daß wir unsvielleicht schon wirklich da befinden, oder nur noch einen Schritt dahin zuhun haben.
Etwas, das wir noch nicht wissen, ist die Todesart, wozu wir verdammtsind, welche in dem Urtheilsspruche nicht ausgedrückt ist, und die uns Gott imDunkel seiner Vorsehung noch verborgen hält. Wird sie sanft, wird sie grausamsein? Wird sie schnell und plötzlich, oder lang und von Dauer sein? Werdenwir noch einen Augenblick haben, uns zu erkennen und unsere Geschäfte in Ord-nung zu bringen, oder werden wir ihn nicht mehr haben? Das wissen wir nicht.
Wirklich zum Erstaunen ist, daß wir, beladen mit dem Todesurtheile,während dieser Reise, die wir aus dem Kerker an die Richtstatte thun , nochsündigen, lachen, Possen treiben, Projecte machen!
So geschieht es aber anch häufig, daß Viele mitten unter ihren Freuden undUnternehmungen sich am Ziele finden, das sie noch weit entfernt glaubten, näm-lich, daß sie, ohne vorbereitet zu sein, Plötzlich äuf dem Richtplatze stehen.unddie Strafe des Todes erleiden müssen, an die sie nicht gedachten. (Aus Bonagventura's Parabeln.)
Ein Jähzorniger.
Ein Gelehrter, welcher ein Buch über „geistige Krankheiten" geschrieben,erzählt darin: er habe als Knabe einen Menschen gesehen, der sich sehr beeilte,eine verschlossene Thüre mit einem Schlüssel auszuschließen, es wollte ihm abernicht gelingen, obschon er mit dem Schlüssel auf allerlei Weise es probirte.Kurz, es ging nicht! Darüber nun und namentlich weil es Eile hatte, geriethjener Mensch in solche Wuth und verfiel in solchen Zorn, daß er den Schlüsselzerbeißen und die Thüre mit Fußtritten einstoßen wollte. Da auch dies nichtgelang, so verstärkte sich sein Zorn dermassen, daß er die Fäuste ballte, dieschrecklichsten Flüche ausstieß, Schaum vor dem Mund bekam und anfing zu toben,wie ein Wasserscheuer. Seine Augen funkelten und traten vor den Kopf, so daßman fürchten mußte, der wüthende Mensch werde sich einen Tod anthun. —„Bei diesem Anblicke, schreibt der Gelehrte, habe ich einen solchen Abscheu vordem Laster des Zornes bekommen, daß mich von dieser Zeit an kein Menschmehr erzürnt sah, weil ich fürchtete, ich möchte einmal jenem Rasenden ähnlichwerden." (Folge dem Beispiele dieses Gelehrten.)
Redacliou und Berlaz: 1-1°. M. Hutller. — Druck »ou 3. M. Klciule.