Ausgabe 
20 (18.11.1860) 47
Seite
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Die christlichen Dienstboten.

Ein frommer Dienstbote bringt nach der Lehre der heil. Schrift denSegen Gottes in das Haus seines Herrn. Besonders vermag er den wohl-thätigsten Einfluß aus die Kinder des Hauses auszuüben, und daher sollder Hausherr gute Dienstboten angelegentlich suchen, der Katechet aber im Unter-richte über das vierte Gebot den Kindern die Pflichten eines guten Dienstboteneifrigst darlegen und auch im Einzelnen zeigen, wie ein guter Knecht und einegute Dienstmagd die Kinder des Hauses zum Guten anhalten und wirklich zuihrer guten Erziehung beitragen kann. Es wird nicht ohne Interesse sein, wennich in nachfolgenden Erlebnissen eines Freundes an einem Beispiele zeige, wieeine fromme Magd Maria in ihm, einem Geistlichen und Lehrer, Liebe zurReligion und Lust zu seinem jetzigen Berufe zuerst gefördert hat.

In meiner Jugend," so erzählte mir mein Freund,hatten wir im elterlichenHause eine fromme Magd Maria, der ich vor allen übrigen den Vorzug gab unddie ich zu allen Arbeiten begleitete. Wenn sie Gemüse aus dem Garten holenwollte, setzte sie mich aus den Schubkarren und schaukelte mich bis zum Platzeihrer Arbeit, während welcher ich mich an ihrer Seite hielt. Dann sagte siemir, daß der liebe Gott alle die schönen Gewächse des Gartens aus Liebe undFürsorge für uns Menschen hervorbringe und wachsen lasse, und wir dafür rechtdankbar sein und deßhalb andächtig unser Gebet bei Tische verrichten müßten.Wenn ich mich auf den Rasen hinlegte und mit dem Gesichte nach oben fragte,was da doch sei über der Sonne, so gab ich ihr Gelegenheit auf ihr Lieblings-thema, den Himmel, zu kommen, dessen Schönheit sie mir mit unerschöpflicherBeredsamkeit zu schildern wußte. Bald stellte sie mir die lieben unzähligenEngel am Throne Gottes dar, die auch, auf Flügeln getragen, zu uns Men-schen heruntersteigen, uns helfen und schützen, und nach dem Tode zum Himmelbringen. Bald zeigte sie mir die Freuden des Himmels an bekannten irdischenFreuden, die wir da beim lieben Gott haben werden. Ihre Katechese über denHimmel ging mir immer so zu Herzen, daß ich auf ihre Frage, ob ich wohlsterben möchte, wenn ich wüßte, daß die Himmelsthüre mir durch den hl. Petruswürde geösfet werden, mit herzlichem Ja antworten konnte. Ich fragte sie ein-mal, welche Menschen Wohl am sichersten in den Himmel kämen, worauf sie mirsagte daß die Geistlichen die beste Gelegenheit hätten, denselben zu erwerben.Von dem Augenblicke an war der Entschluß gefaßt, Geistlicher zu werden, undich habe diesen Entschluß nie wieder aufgegeben, sondern zur Ausführung ge-bracht. Nach den Geistlichen, meinte sie, wären die Lehrer in der glücklichstenGelegenheit, sich den Himmel zuverdienen, daun aber dürften die Landleute,die sich alle Tage so plagen müßten, die sicherste Hoffnung auf den Himmelhaben. Ich hörte sie besonders deshalb so gern an, weil sie mit der größtenGeduld alle meine Fragen anhörte und mit Vergnügen mir dieselben beant-wortete, während die Mutter, welche täglich für zwanzig Personen das Haus-wesen versorgte, sich nicht viel mit mir abgeben konnte. Bloß des Abends, wennsie mich zn Bette brachte und die Gebete lehrte, konnte ich durch ihre Be-lehrungen meine Wißbegierde befriedigen und ich schätzte mich glücklich, wennich ihr sichtlich durch Nacherzählen Desjenigen Freude machte, was ich Tags übervon der guten Maria gehört hatte.

An den Vater wandte ich mich nicht gern mit meinen tausenderlei Fragen,weil ich zu viel Scheu und Ehrfurcht vor ihm hatte, obschon derselbe nie schaltoder strafte. Zuweilen jedoch schenkte mir auch der Vater einige Aufmerksamkeitund ließ mich meine Gebete repetiren. Wenn ich meine Sache zu seiner Zu-friedenheit machte, versprach er mir Belohnungen, die er mir nächstens aus derentlegenen Stadt mitbringen werde. Das war mir Freude genug, denn er