Ausgabe 
20 (18.11.1860) 47
Seite
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hielt immer Wort, und ich wagte nur dann meine Wünsche zu offenbaren, wenner es mir erlaubte und mich aufforderte, zu sagen, was ich am liebsten hätte.War mein Kreidevorrath zu Ende, so war es immer die angelegentlichste Bittemir ein tüchtiges Stück mitzubringen. Diese Bitte gewährte er mir aber nichtgern, weil ich alle Thüren und Fenster damit besudelte, und doch bedurfte ichder Kreide ganz besonders in meiner Sonntagsschule, welche die fromme Mariamit mir hielt. Ich litt an Körperschwäche und konnte vor dem neunten Lebens-jahre weder Schule noch Kirche besuchen. Wenn die Reihe an Maria kam, amSonntag Morgen während des Hochamtes das Haus zu hüten, wurde in un-serer Küche eine gute Sonntagsschule gehalten. Wir waren dann abgeredeterMaßen allein zu Hause, indem Maria den andern Mägden gestattete, nur allezur Kirche zu gehen. Zuvor suchten wir uns in Sicherheit und Ruhe zu setzen;Maria holte den großen Kettenhund, einen wahren Cerberus, nach der Schlaf-kammer des Vaters, in welcher, wie wir wußten, der Geldvorrat!) aufbewahrtwurde, ich holte den Jagdhund von seiner Kette und band ihn an die Haus-thüre. Dann setzten wir uns am großen, langen, abgescheuerten Küchentischehin und fingen unsere Uebungen an, nachdem ich mein Stück Kreide in Bereit-schaft gelegt hatte. Zuvor aber mußte ich noch erst Alles beten, was ich konnte,d. h. vom Vaterunser an bis zu den sechs Stücken; dann erst durfte der Unter-richt beginnen, der ein völlig zwangloser und dessen Gang ein ganz ungewöhn-licher war, indem ich die Fragen stellte und der Lehrerin die Kreide zur Handgab. Bald mußte sie mir einen Altar Hinmalen, bald einen Predigtstuhl, baldeine Orgel u s. w., weil mir das Innere einer Kirche völlig unbekannt war.Ich fand ihre Zeichnungen immer sehr gelungen und konnte dieselben einzelnwieder nennen, wenn die Tischplatte beschrieben war. Die Erinnerung an dieseFreuden gehört zu den angenehmsten meines ganzen Lebens! Unser Unterricht,der mir nie zu lange dauerte, wurde nach dem Willen meiner frommen Gouver-nante immer auf eine sehr feierliche Weise auf einige Augenblicke unterbrochen.Wenn es ihr nämlich ungefähr Zeit zu sein schien, ging sie auf den Hof undhorchte, ob man mit der Glocke das Zeichen der heil. Wandlung gab, wie esin unser er Gemeinde Sitte war. Sobald sie das herüberschallende Läuten hörte,eilte sie zu mir, um es zu verkündigen. Wir fielen dann beide auf unsere Knieund beteten den Heiland an mit einer Andacht, die den beim heil. Opfer Ge-genwärtigen nicht selten fehlt. Darnach durfte ich nicht gleich wieder Figuren-malen, von ihr verlangen, sondern sie setzte ihre Andacht eine kleine Weil fort.Wollte ich aber wissen, was der Priester jetzt am Altare thue und wie die An-wesenden in der Kirche die hl. Handlung mit ihrer Andacht begleiteten, so hieltsie diese Frage nicht für störend, sondern zur Andacht förderlich. So war dieseSonntagsschule für mich sehr bildend und belehrend. Als ich dann später für'serste Mal mit zur Kirche ging, fand ich darin Alles so, wie ich es mir vorge-stellt hatte, und ich konnte mit wirklicher Andacht zugegen sein.

(Schluß folgt.)

Die Maienglöcklein.

6. Mein liebes Kind! sagte einst die Mutter zu Clara, welche ihreinen Strauß Maienblumen gebracht, wie die Passionsblume die Blume derGeduld, die Immortelle jene der Unsterblichkeit, so sind die Maienglocken dieBlumen der Andacht.

Wie das?

Sage mir: welche Farbe hat die Blume?

Sie ist weiß.

»d'hl

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