Ausgabe 
20 (18.11.1860) 47
Seite
374
 
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Weiß ist die Farbe der Reinheit. Wir sollen Gott stets ein sünden-reines Herz im Gebete aufopfern. Welche Gestalt hat die Blume?

Von der Gestalt trägt sie den Namen der Glocke.

Und die Glocke?

Sie diente, wie du mir erzähltest, früher nur zum Gebetrufe der Gläu-bigen. Später erst ward sie nebstdem weltlichen Zwecken geweiht.

So auch, mein Kind! lebten die ersten Christen nur frommem Gebeteim Worte, wie im Wandel. Später erst hat das weltliche Leben ihre Herzendem Irdischen und Sinnlichen geöffnet. Wie aber die Glocke ihren ursprüng-lichen Zweck nicht hintansetzt, sondern stets als Hauptzweck betrachtet, so sollenwir über unsere weltlichen Angelegenheiten des göttlichen Berufes nicht ver-gessen, ja ihn stets als das Endziel vor Augen haben. Welche Eigenschafttheilt ferner die Maienglocke mit der ehernen, wenn auch in einem andern Ein-drucke aus die Sinne.

Die eherne Zunge trägt weithin ihren Schall, die Maienglocke weithinihren Duft.

Das Gebet des Frommen hat diese Eigenschaft in doppelter Beziehung.Sein körperlicher Ausdruck begeistert unwillkürlich zur Nachfolge. Sein geisti-ger Inhalt «her findet durch die Erhörung des himmlischen Vaters die weit-reichendste Wirkung für den Beter sowohl, wie für seine Mitmenschen. Be-trachte die Glocke der Maiblume! Strebt sie empor, oder senkt sie sichniederwärts?

Sie ist niederwärts gesenkt.

Das gesenkte Auge ist das Auge der Demuth. Wie Blume und Glockeder Wirkungen ihres Duftes und Klanges, müssen wir unbewußt bleiben derDoppelwirkung unseres Gebetes.

Warum befinden sich an einem Stengel mehre Glocken?

Hierin erblicke das Sinnbild der Vereinigung! Wie mehre Glocken süßerduften, denn eine, so steigt das Gebet mehrer Frommen brünstiger zu Gott em-por. Der Stengel vereiniget die Glocken. Die Andächtigen möge das Gottes-haus versammeln!

Wenn diese Blume so bedeutungsvoll ist, warum blüht sie nur im Maiund nicht das ganze Jahr hindurch als Versinnbildung des gottgefälligenGebetes?

Hierin ruht die sinnigste der Deutungen. Weßhalb heißt der Mai derWonnemonat?

Weil er der schönste Monat des Jahres ist. Alles jubelt zum neuenLeben erwacht.

So auch sollen wir in Glück und Wonne, nicht erst in den Tagen desElendes an Gott denken. Wir sollen jubeln, wie die Vögel, zum neuen Lebenerwacht. Das Glück erweckt zum Leben, denn es gibt immer Gelegenheit zumGutesthun für unsre Mitmenschen. Leider beten wir gewöhnlich erst im Un-glücke zu Gott : da, wo unsre Kräfte zu ersterben drohen unter der Bürde deseigenen Schmerzes. Welches ist aber die Glück- nnd Wonnezeit desLebens?

Es ist der Mai, die Blüthezeit der goldnen Jugend.

Ja, mein Kind! da sollen wir oft und viel zu Gott beten, daß unsreBlüthen nicht rasch abfallen, wie die Maiglocken, sondern zur Frucht reifen.Viele versäumen Frühling, Sommer und Herbst, manche denken kaum im Winterdes Lebens an Gott, der alle Tage unser eingedenk ist.