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vielleicht kein Volk außer dem amerikanischen, Lei welchem durchgehend so tiefeund unverkennbare Spuren des allgemeinen Einflusses der Religion wahrzu-nehmen wären, bei welchem der Glaube so sehr als das höchste wahre Gut be-trachtet würde, oder bei welchem, wenn schon der Staat, in Betreff der äußerenReligion, sich als völlig theilnahmlos verhält, die Religion selbst so sehr zurgroßen Haupt-Pulsader alles Lebens und Webens geworden wäre." (Nord-amerika , sein Volksthum und seine Institutionen. Lpz. 1848. S. 95.) Dahergenießt denn auch die katholische Religion in den Vereinigten Staaten allge-meiner Achtung und großen Ansehens, wozu die in jeder Weise achtungswertheHaltung des Klerus nicht wenig beiträgt. „Die katholische Kirche in Nord-amerika," sagt Heinrich Berghaus , „geht unverdrossen und unbekümmert um daspolitische Treiben ihren festen Schritt, die Zahl ihrer Bekenner mehrt sich mitjedem Jahre und die Geistlichen dieser Kirche sind tüchtige Männer, deren un-eigennützige Hingebung selbst in Amerika Bewunderung erregt." (AllgemeineLänder- und Völkerkunde, Stuttg. 1844, Bd. 6., S. 97.) Diese Achtung undBewunderung gab sich unter andern in der sonst wegen ihres puritanischenEifers bekannten Stadt Boston auf auffallende Weise kund. Im Jahre 1846starb der berühmte und hochverdiente Bischof Fenwick. Der Zug, der die Leichezur Grabstätte bringen sollte, durchzog die Straßen der Stadt, wobei zum erstenMale priesterliche Ornate, Kreuze, Fahnen und die ganze Pracht des katholischen Cultus offen einhergetragen und überall von der staunenden Menge mit Ehrfurchtempfangen wurde. Von zwei protestantischen Kirchen herab tönte Grabgeläute,und verwundert nahm man wahr, daß der Tod eines katholischenBischofs ein Ereigniß für Boston war.
Ein ähnliches Beispiel gewährte 1849 Baltimore , als daselbst die Väterder siebenten Kirchenversammlung versammelt waren. Zwei Erzbischöse unddreiundzwanzig Bischöfe zogen durch die Straßen, um am Fuße des nämlichenAltars die letzte Sitzung zu schließen. Eine unzählbare Menge Menschen vonverschiedenen Religionen hatte sich diesem Zuge angereiht, der unter dem feier-lichen Geläute aller Glocken der Stadt und dem Absingen geistlicher Lieder inder ganzen bischöflichen Pracht sich nach der Hauptkirche bewegte, um dort seinerfreudenreichen und fruchtbaren Verbindung das Siegel aufzudrücken. Ueberall,auf dem ganzen Durchzug, beugte sich die Menge vor diesen ehrfurchtgebietendenBischöfen, die alle schon seit langen Jahren als Missionäre gewirkt und vondenen die meisten ihre Kirchen selbst gegründet hatten. Der Anblick dieserGreise, deren zitternde Hand sich ohne Unterlaß zum Segnen erhob, der Gesangdieser durch das Verkünden des heiligen Wortes gebrochenen Stimmen gab selbstden Protestanten zu erkennen, daß die segnende, betende und sich selbst auf-opfernde Obrigkeit die einzige ist, deren Befehle mit Liebe befolgt werden.
Dieses tiefe, in der Majorität des Volkes herrschende religiöse Gefühl undsein Ernst um den Glauben sind es, die den ruhigen, Alles erwägenden Forscherund Beobachter über die Zukunft dieses Volkes beruhigen, eines Volkes, daswie kein anderes eine Menge der verschiedensten Elemente in sich aufnehmenund zu einer im Ganzen und Großen gleichartigen Masse verschmelzen muß.Denn es sind nicht blos die Nachkommen jener ersten Ansiedler, die in strengpuritanischem Eifer ihr Vaterland verließen, um in Amerika eine neue Heimatzu gründen, die hier in Betracht kommen. Seit einer langen Reihe vonJahren wirkt das Meer alljährlich eine große Anzahl Menschen aus allenLändern Europa's an die amerikanischen Gestade, die Daselbst eine bessere Exi-stenz zu finden hoffen, als das verlassene Vaterland ihnen zu bieten vermochte.Wenn wir hören, daß die Zahl dieser, an Sprache, Religion und Sitten sowesentlich von einander verschiedenen Einwanderer nicht selten die Höhe voneiner halben Million erreicht, so können wir uns leicht einen oberflächlichen