Am Altare scheint sein Antlitz von einer himmlischen Schönheit zu leuchten;alle Pilger, die ihre Frömmigkeit nach Rom führt, sagen dieß, und selbst dieleichtfertigsten Touristen sind gezwungen, es zuzugeben. Ich meinestheils werdenie den erhabenen Eindruck vergessen, der mein Inneres bewegte als es mirzum ersten Male vergönnt war, ihn am Altare zu sehen: Welche Anmuth!Welche Hoheit! Welcher Friede! Welche Frömmigkeit! — Ich hatte herrlicheMusik gehört, großartige Feierlichkeiten gesehen .... aber meine Blicke hingenan dem hl. Vater, ich hatte nur Ohren, um seine Stimme zu hören, als er siein dem Heiligthume erhob, um für die Kirche zu beten und zu segnen.
Die Stimme Pius tX. ist sanft und wohlklingend, und hat in der Unter-haltung eine bezaubernde Wirkung; zugleich vermag sie nach Bedürfniß, ohnedabei etwas von ihrem Wohlktang einzubüßen, eine solche Kraft zu entfalten,daß wenige ihr gleichkommen. Es ist, sagt man, eine der schönsten und ge-waltigsten Stimmen Roms. Stets waren die Fremden entzückt, wenn sie die-selbe widerhallen hörten an den Gewölben der Peterskirche in dem Gesängeder Präsation, oder des Pater noster, oder wenn in den feierlichen Worten derpäpstlichen Segnung am heiligen Ostertage sie über den Petersplatz mit einerKraft erscholl, daß der letzte Widerhall jenseits des großen Obelisken zurück-tönte!
Der Papst spricht gut französisch, kaum einige italienische Worte ent-schlüpfen ihm in der Unterhaltung mit Franzosen. Seine Sprackweise ist ele-gant und einfach und trägt in vertrauteren Gesprächen das Gepräge von Wohl-wollen und Leutseligkeit und — ich kaun den Ausdruck wiederholen, dessen sicheiner seiner Geschichtsschreiber bediente, — einer ausgezeichneten Gutherzigkeit,welche sich nichts von ihrer Würde vergibt und zugleich anzieht. In der Predigterhebt sich seine Sprache zur Beredsamkeit, und Alle, die ihn predigen hörten,versichern einstimmig, daß er seine Zuhörer fesselt.
Beim Empfang zeigt der Papst das herablassendste Wohlwollen. Manhat gesagt, daß dann sein Blick zum Herzen dringt und der Ausdruck seinesGesichtes und sein Lächeln eine unwiderstehliche Wirkung üben; wenn man ihnverlasse, so trage man einen Strahl seiner Seele mit sich.
Es beruht dieses auf Wahrheit, und alle jene, welchen die Ehre zu Theilwurde, zugelassen zu werden, haben diese glückliche Erfahrung gemacht.
Auch ich habe sie gemacht, und ich wünschte, sagen zu können, mit welcherGüte, welcher väterlichen Zuneigung er die Priester empfängt! wie er sie an-redet: mein Sohn! Welch' liebenswürdiges Lächeln seine Lippen belebt! Wieer jeder Bitte nachgibt, die man an ihn richtet, mit welcher Gnade er sie ge-währt, mit welcher Rührung er segnet! — O ich wünschte, dieß alles sagen zulönnen! Werde ich es jemals! Man bewahrt in der Seele einen tiefen Ein-druck, welcher sie durchdringt, im Gedächtnisse eine Erinnerung, welche niemalserlischt; aber das Wort ist zu schwach, sie auszudrücken.
„Er ist ein geborner Herrscher," schrieb ein Fürst, nachdem er den Papstgesehen; dieß ist wahr, es ist der Eindruck, welchen man sofort empfindet.Einer der römischen Großen drückte nach seiner ersten Audienz mit nicht ge-ringerer Energie den nämlichen Gedanken aus: „Er ist ein König," sagte er,„und man möchte glauben, daß er es stets gewesen ist."
Vor kaum einem Jahre schrieb ein französischer Geistlicher zu Rom folgen-des an ein religiöses Blatt: Pius lX. ist aus dieser Welt die schönste Personi-ficirung der Güte und christlichen Liebe. Ueber sein Antlitz ist eine unbeschreib-liche Mischung von Geist und Sanftmuth ausgegossen, seine lebhafte und füralles Gute empfängliche Seele scheint in seinen Augen und seinen Zügen zuliegen.
Einige Wochen früher sagte ein französischer Soldat, indem er von Pius