Ausgabe 
20 (25.11.1860) 48
Seite
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bleiben zu erwirken: bald wandte ich mich an den Vater mit der Bitte, ermöge ihr das Weggehen verbieten, dann wäre es ja aus. Der Vater galt mirals ein ganz unumschränkter Gebieter. Bald suchte ich durch die Mutter ihrVerbleiben durchzusetzen, indem ich den Vorschlag machte, die Mutter möge denVater dazu bewegen, daß er Maria erlaube bei uns zu bleiben und ihren Mannherüber zu holen. Die Mutter trug diese meine Bitte auch wirklich vor, sobaldder Vater mit den Arbeitern vom Felde heimgekehrt war. Das gab zu meinemgrößten Erstaunen eine allgemeine Heiterkeit und ein schallendes Gelächter.Wenn ich bei ihr allein war, wollte ich sie durch allerlei Ueberredungskünstevon ihrem Vorhaben abbringen, und ich sah mich genöthiget, das letzte und nachmeiner Meinung unfehlbare Mittel, sie zum Verbleiben zu bewegen, in An-wendung zu bringen. In unserem Hause wohnte damals ein Geometer, der dieVermessung der zu verteilenden Heidegründe vornahm. Der hatte mir vonseiner Reise einen Stock mit einem großengoldenen Knopf" mitgebracht, welchereinen Pferdefuß mit blankem Hufeisen vorstellte. Dies Geschenk hatte in meinenKindesaugen einen solchen Werth, daß ich es für Alles in der Welt nicht lassen,konnte. Der Vater bot mir oft einen blanken Thaler dafür, aber vergeblich;dann sagte er, er wolle mir dafür die Auswahl eines unserer sechs Pferde ge-statten, ich aber meinte, der Knopf sei werthvoller, als alle sechs zusammen.Nach langem Bedenken, als alle Mittel erschöpft waren, beschloß ich, durch Hin-opferung meinesimmensen" Schatzes meine gute Jugendführerin zum Bleibengleichsam zu zwingen. An einem Sonntag Morgen, als sie mir eben wiederdurch ihren Unterricht eine große Freude gemacht hatte, nahm ich beherzt eingroßes Messer, schnitt den schönen Knopf wirklich vom Stocke ab und reichteihr denselben unter der Bedingung ihres Verbleibens. Dieser rührende Actmeiner kindlichen Anhänglichkeit ging der Person so zu Herzen, daß kie sich derThränen nicht erwehren konnte, wie ich mich noch sehr deutlich erinnere. Unddoch erreichte ich meine Absicht nicht!

Sie verließ unser Haus, und auch ich wurde bald zur Stadt geschickt, woich der weiten Entfernung des elterlichen Hauses wegen im Hause des LehrersWohnung und Aufnahme fand.

Jene Person habe ich in meinem Leben nie wieder gesehen, ihr Andenkenaber blieb immer bei mir in Segen. Nach eingezogenen Erkundigungen istsie, die von Aaus aus arm war, von Gott auch mit zeitlichem Segen unge-wöhnlich beglückt, dessen sie nach obiger, wahrheitsgetreuer Schilderung in ihrerDienstzeit so würdig geworden ist, und lebt jetzt im hohen Alter glücklich undzufrieden." So weit die Erzählung meines Freundes.

Das ist ein Beispiel aus der Wirklichkeit. So kann ein treuer Dienstboteim Stillen durch frommen Einfluß auf die Kinder des Hauses einen Dienstleisten, der nach Geldeswerth nicht abgeschätzt werden kann. So kann eine guteMagd oder ein guter Knecht durch Theilnahme an der Erziehung der Kinderder Herrschaft sich des göttlichen Segens für das ganze künftige Leben gewißmachen, und Herrschaft und Kinder zu lebenslänglichem Danke verpflichten.So hat auch im Stillen der Heiland seine Lehrer und Diener gelehrt, diewirken zu seiner Ehre und zur Ausbreitung seines heiligen Reiches. So bestelltder Heiland nicht allein die seligen Geister des Himmels, sondern auch frommeMenschen zu Schutzengeln der Unschuld.

Veilchen und Tulpe.

6. Mutter! sagte einst Clara die Tulpe prangt so majestätisch schön,das Veilchen ist kaum sichtbar.