Ausgabe 
20 (25.11.1860) 48
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Aber das^ Veilchen, mein Kind! verbreitet einen lieblichen Geruch, dieTulpe einen unangenehmen Duft. Was wird hieraus folgen?

Daß wir die Tulpe stehen lassen, wenn wir uns an ihr satt gesehen, dasVeilchen hingegen an die Brust stecken, bis es verdorrt.

Wer, glaubst Du; ist vor dem Winde besser geschützt, Deichen oder Tulpe?

Das Veilchen. Leicht biegt sich der Stiel mit dem Blümchen, der Tulpehochaufstrebender Stengel jedoch wird gebrochen, sie selbst entblättert.

Siehe! so ist das Gute oder Böse nie vereinzelt, sondern stets vereint mitmehren Vorzügen oder mehreren Gebrechen in der großen Welt sowohl der herr-lichen Schöpfung, als auch in der kleinen Welt des menschlichen Herzens.Was versinnbilden Veilchen und Tulpe?

Demuth und Hoffart.

Das demüthige Herz wirkt im Stillen. Der hoffärtige Geist prangt mitWahnverdienst und Scheinverdienst, selten mit wahren Vorzügen. Ist nun dieungesuchte Demuth gefunden, so verbreitet sie einen lieblich lockenden Duft. DerStolze hingegen macht selbst angenehme Vorzüge niedrig durch Eigendünkel undEigenlob. Was wird die Folge davon sein?

Sie schwebt uns vor in der Betrachtung von Veilchen und Tulpe.

Recht so. Die vielleicht bewunderten Vorzüge des Hvffärtigen lassen unsgegen ihn selbst gleichgiltig, wenn wir uns in der Bewunderung ersättigt. Amdemüthigen Herzen vergessen wir gerne seine Unvollkommenheiten, ziehen es anunsere Freundesbrust, bis ihm oder uns der ewige Friede winkt.

Mutter! nun erklärt sich auch, warum der Demüthige fest dem Unglücketrotzt, der Hoffärtige erliegt. Der Sturm beugt den Ersteren zwar, allein derGebeugte erhebt sich am Freundesherzen im tröstenden Bewußtsein, daß er nichtvereinzelt stehe. Der Hoffärtige, welcher nie sich beugen gelernt, wird gebrochenvom schrecklichen Gefühle gänzlicher Verlassenheit, die er im Glücke selbst gesucht.

Du hast's nur annähernd getroffen, Clara! Allerdings erhebt den De-müthigen der Trost, daß seine Thränen nicht ungezählt fließen, schmettert denHvffärtigen das Bewußtsein nieder gänzlicher Verlassenheit. Allein diese be-lebenden und vernichtenden Gefühle ruhen nicht immer im Vertrauen auf mensch-liche Freundschaft, welche der Uebermüthige nach seiner Weise im Glücke nichtverschmähte, der Demuthvolle im Unglücke oft nicht findet.

Worin beruhen sie dann, wenn nicht im Vertrauen auf göttliche Freundschaft?

Jetzt bist Du auf dem rechten Wege. Der Demüthige setzt seine Stärkein Gott, der Hoffärtige die seine in sich selbst. Wer wird besser das Unglücktragen können?

Der welcher mit Gott, nicht jener welcher ohne Gott trägt.

Dies Letztere versucht der Hochmüthige, der selbst in der Stunde derPrüfung Gott nicht finden will.

Thörichte Furcht.

Als der deutsche König Rupert gefährlich krank darnieder lag und an denEmpfang der heil. Sacramente der Buße und des Altars ermähnt wurde, sichauch die h. Oelung ertheilen zu lassen, weigerte er sich dessen mit dem Vorgeben,er müsse sonst sterben. Da nun die Krankheit überhand nahm, willigte er end-lich ein. Wie er nun bei der Spendung dieses hl. Sacramentes den Priesterauch um die Gesundheit des Leibes beten hörte, rief er aus:Hätte ich gewußt,daß die letzte Oelung auch zur Gesundheit des Leibes verhilflich sei, würde ichsie schon langst empfangen haben." Er wurde auch wirklich gesund.

Redactivn u»v Verlag: Dr. M. Hu liier. Druck »au 3. M. Klei nie.