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9. December 1860.
Das Augsburger Sonntagsblatl (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonncmentspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.
Die Greuelscenen in Syrien . *)
Es ist kaum einige Monate her, daß eine Schreckenskunde das christlicheEuropa mit tiefer Trauer erfüllte. In einer asiatischen Provinz des zusehendsdahinsterbenden und nur durch die Eifersucht der Großmächte zusammgehaltenenottomanischen Reiches war der Fanatismus der Drusen wild aufgeflackert, undhatte, unterstützt von jenem der Muselmänner, sich in so schauderhaften Greuel-scenen kundgegeben, daß nicht weniger durch die Menge der Opfer, als durch dieGrausamkeit der würgenden Horden die civilistrte Welt an die Zeiten der großenChristenverfolgungen gemahnt wurde. Jede neue Post brachte auch neue Nach-richten von schauerlichem, jedes christliche und menschliche Gefühl auf's tiefsteempörendem Inhalte Und wahrlich! wessen Herz könnte ungerührt, wessenHand geschlossen bleiben bei der Aufzählung und Schilderung eines so großen,eines so namenlosen Elendes!
In Syrien sind ermordet 20,000 Menschen, gefallen bei der Vertheidigungmit den Waffen in der Hand über 1000, nach der Küste und in's Gebirge ge-flohen und daher gezwungen von Almosen zu leben 75,000, Waisen beiderleiGeschlechts 10,000, Wittwen 6000. Ferner sind 360 Dörfer mit ihren Heerdenvernichtet, 28 christliche Schulen und neun religiöse europäische Anstalten zerstört,560 Kirchen und Klöster niedergerissen oder verbrannt, der ganze Ernte-Ertrag,alle Lebensmittel, Maulbeerbäume und Seidenvorräthe auf einer Strecke von 50Stunden Länge und 30 Stunden Breite zu Grunde gerichtet. In Folge dessengehen die überlebenden Bewohner bei dem nahenden Winter einem nicht zu schildern-den Elende entgegen, wenn nicht die christliche Mildthätigkeit denselben in ganz un-gewöhnlicher Weise zu Hilfe kommt; wie groß die eben erwähnten Verluste sind,mag man daraus entnehmen, daß der Gesammtschaden auf eine Summe von250 Millionen Piaster geschätzt wird.
Zunächst waren es die Drusen, die alten Feinde der katholischen Maroniten,durch welche, unterstützt von Muselmännern, worunter sogar türkische Pascha'sund Soldaten sich befanden, auf dem Libanon und Antilibauon jede Art von »Greul verrichtet wurde; später folgte diesen sich eine Zeit lang fortsetzendenSchreckensthaten noch das große Blutbad in Damascus. So Außerordentlichesbrachte denn doch die europäische Diplomatie in Bewegung; in Paris wurde eineVereinbarung zwischen den Großmächten abgeschlossen, gemäß derer 12,000 Manneuropäischer Truppen sich nach Syrien begeben sollten, um die türkische Regierungbei Bestrafung der Schuldigen zu unterstützen. Die Hälfte dieser Truppen solltenFranzosen sein, die andere Hälfte aus andern europäischen Truppen bestehen; bisjetzt sind nur die Franzosen unter dem Oberbefehl des Divisions-Generals Beau-fort d'Hautpoul nach Syrien abgegangen, doch liegen Fahrzeuge von fast allenNationen au der syrischen Küste. Auch ist ein General-Bevollmächtigter der Pforte,
*) Aus dem „Organ" des Vereines vom h>. Grabe.