Ausgabe 
20 (9.12.1860) 50
Seite
396
 
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ihrem alten Katholicismus halten sie noch an zu Vielem fest, was an die per-sönliche und staatliche Verkommenheit der BoUrbonen und Stuarte erinnert.Sie sind in ihrer großen Mehrzahl den republikanischen Einrichtungen unseresLandes zugethan, in einem solchen Grade, daß keine Klasse unserer Staatsbürgeres ihnen daran zuvorthut, und sie würden zu deren Schutz ihr Leben zum Opferbringen. Aber ihr inneres Leben hat sich noch nicht zu vollem Einklang mitdenselben umgestimmt, und sie sind geneigt, entweder in ihrem Eiter für dieamerikanische Demokratie sich in den äußersten Radicalismus zu verlieren, oderim Eifer für Gesetz und Ordnung dem übertriebensten Conservatismus zu hul-digen. Sie wissen nicht immer die rechte Mitte zu treffen. Aber das darf unsnicht Wunder nehmen, denn kein Mensch hält diese Mitte, wenn nicht sein inneres

Leben und sein ganzes Wesen dieser Richtung nachgebildet ist.-Wo die

Verhältnisse gleich sind, da wissen katholische Einwanderer sich weit leichter inunsere Rechtsversassung einzuleben, als irgend eine andere Klasse von Fremden,und unter den Katholiken, das bemerke man wohl, gelingt vas denen am besten,welche ihre Religion am besten kennen und am meisten üben. Diejenigen, welchevom wahren Amerikanerthum am weitesten entfernt sind, und sich am leichtestenvon Demagogen irre führen lassen, das sind solche, die vom Katholicismus fastnichts weiter an sich haben, als daß sie von katholischen Eltern geboren undgleich nach der Geburt zur Taufe gebracht worden sind. Sie sind es, die aufdie Gesammtheit ihrer Glaubensgenossen ein falsches Licht werfen.

-Daß die Wirren in Europa auf die Denkart der Katholiken in

unserem Lande Einfluß gehabt haben, ist sehr wahr, und es läßt sich nicht leug-nen, daß dieser Einfluß hier und da ein ungünstiger gewesen ist. Einige vonunsern neu eingewanderten Katholiken, aus welchen zu Hause Las Joch desDespotismus gelastet hatte, fühlen sich, sobald sie hier gelandet sind, allerFesseln entledigt; sie achten nicht mehr des Gehorsams, welchen sie den vomheiligen Geiste über sie gesetzten Hirten und Bischöfen schuldig sind; sie werdenwiderspenstig und leben mehr wie Protestanten, denn als Katholiken. Andere,des revolutionären Geistes herzlich satt und um der üblen Folgen willen, die erin der alten Welt gehabt, tief bekümmert, trauen nicht der Unabhängigkeit undpersönlichen Würde, deren sich der Amerikaner überall der Obrigkeit gegenüberbewußt bleibt, und sind geneigt, in jedem Eingeborenen einen Mann zu sehen,dessen Herz dem Geiste des Umsturzes, wo nicht dem Unglauben, verfallen sei.Sie haben keinen rechten Maßstab für den amerikanischen Charakter, der sichimmer vor dem Gesetze, nie aber vor Personen beugt, und der immer sorgfältigzu unterscheiden pflegt zwischen dem Manne und dem Amte; sie sehen dieseDenkweise gern für eine solche an, die sich mit der vom Evangelium einge-schärften wahren Lehre vom Gehorsam nicht vereinigen lasse. Aber sie und ihreconservativen Brüder in Europa verkennen, dünkt mich, den wahren Charakterdes Amerikaners. Es gibt in der Christenheit kein loyaleres Volk, keines, dasmehr aus Recht und Gesetz hielte, als die echten Bürger unseres Staatenbundes.Ich habe den Geist der Kirche ganz mißverstanden, wenn ein erleuchteter Ge-horsam, ein Gehorsam, welcher weiß, warum er gehorcht, welcher aus Grund-satz, Ueberzeugung, freiem Willen und Pflichtgefühl hervorgeht, ihrem mütter-lichen Herzen nicht angenehmer ist, als die blinde, gedankenlose, kriechende Unter-würfigkeit Derer, welche nichts wissen von Freiheit. Knechtische Furcht zählt beiden katholischen Gottesgelehrten nicht sehr hoch, und die Kirche wünscht dieMenschen als solche, die sich ihrer selbst bewußt sind, zu regieren, wie der all-mächtige Gott sie regiert, d. h. in Uebereinstimmung mit der Natur, welche Erihnen angeschaffen, als mit Vernunft und freiem Willen begabte Wesen.-

-Indem ich von katholischen Völkern spreche und sie auf katholischer

Wage wäge, finde ich Vieles zu bedauern, zu beklagen und selbst zu tadeln ;