Ausgabe 
20 (9.12.1860) 50
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vergleiche ich sie aber mit nichtkatholischen Nationen, so stellt sich das Urtheilganz anders, und ich kann nicht zugeben, daß die katholische Bevölkerung irgendeines Landes zurückstehen sollte hinter irgend einem protestantischen Volke, undauch nicht in den Eigenschaften, in welchen man gerade am liebsten den Katho-liken die größten Mangel Schuld zu geben Pflegt. Bei keinem katholischen Volkewird man jene Großthuerei finden, die Carlyle an den mittleren Klaffen in Groß-britanien so unbarmherzig dem Gelächter preisgibt, oder jene Hochachtung vordem bloßen Reichthum, die abgöttische Verehrung des Geldbeutels oder die ge-meine Kriecherei vor dem großen Haufen oder der öffentlichen Meinung, welchein den Vereinigten Staaten so allgemein verbreitet und der öffentlichen undpersönlichen Tugend so verderblich sind. Ich spreche unserer katholischen Pressekein gar hohes Verdienst zu; sie ermangelt mit wenigen Ausnahmen der Würde,der Gedankensrische, der weiten Umschau, erscheint auf einen ungelehrten Leser-kreis berechnet; doch herrscht in ihr ein Ernst, eine Aufrichtigkeit, ein Freimuth,eine Unabhängigkeit, wie man sie in unserer nichtkatholischen Presse, der reli-giösen und der weltlichen, vergebens suchen wird. Auch haben die Katholikenunseres Landes, im Ganzen genommen, sich persönliche Freiheit der Gesinnung,Unabhängigkeit, Selbstachtung, Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Hingabe anbestimmte Grundsätze in einem Maße bewahrt, wie man sie in allen übrigenKlaffen der amerikanischen Staatsbürgerschaft vergebens suchen wird. Der sitt-liche Ton ist bei ihnen, wie der sittliche Maßstab für sie ein höherer, und sielassen sich allgemeiner regieren von dem Bewußtsein tiefer Verantwortlichkeitgegen Gott und gegen ihr Vaterland. Die Katholiken unseres Landes, sie,die nichts weniger als für die Blüthe gelten können des katholischen Volkes inihrer alten katholischen Heimat, richten sich in ihrer großen Mehrheit nach ehr-lich angenommenen Grundsätzen, nach aufrichtiger und ernster Ueberzeugung, undsind bereit, eher zu sterben, als in irgend einer wichtigen Frage abzuweichen vondem, was sie für Wahrheit und Gerechtigkeit halten. Sie haben den Grund-satz und die Willenskraft, festzustehen in dem, was ihnen als wahr und gerechtgilt, im Glück und Unglück, gleichviel ob die Welt mit ihnen geht oder gegensie. So laßen sie sich auch eines Besseren belehren durch Gründe, die ihrerVernunft annehmbar gemacht werden, und lassen sich antreiben durch Berufungaus ihr Gewissen, auf die Furcht vor Gott und auf die Liebe zur Gerechtigkeit.Der Nichtkatholik hat keinen Begriff von dem Schatze, welchen die VereinigtenStaaten in diesen zwei oder drei (3-4) Millionen Katholiken besitzen, wieniedrig auch äußerlich die Mehrzahl derselben gestellt sein mag. Ich habe nieetwas von einer Neigung verrathen, ihre Fehler zu bemänteln oder zu beschönigen;aber wie ich sie und meine nichtkatholischen Landsleute kenne, darf ich unbedenk-lich die Behauptung wagen, sie seien trotz allen ihren Fehlern und Mängelndoch das Salz des amerikanischen Gemeinwesens und der wahrhaft couservativeLebenskeim im amerikanischen Volke.

-Ohne Zweifel wird unsere katholische Bevölkerung größten-teils aus den verschiedenen Ländern Europa's hieher eingewandert, ein buntesGemisch aller Arten von Volkstümlichkeiten in Gesinnung, Charakter, Geschmack,Lebensart und Gewohnheit, bis jetzt noch in nichts Anderem, als in der Re-ligion zu einem Ganzen verwachsen, allerdings wohl Züge an sich tragen,die dem seinem eigenen Volksthum von Herzen zugethanen und erst vor Kurzemzum katholischen Glauben bekehrten Amerikaner mehr oder weniger abstoßenderscheinen. Indessen aber die Leichtigkeit, womit diese-verschiedenartigen Elementesich mit einander verschmelzen, und die Schnelligkeit, womit die katholische Ge-sammtheit ein gemeinsames Gepräge annimmt, in die Strömung des ameri-kanischen Lebens eingeht und in Allem, was nicht der Religion zuwider ist, sichnach der neuen Heimat umstimmt und gestaltet, beweist die Kraft des Katho-