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mehreren Stunden zu Fuß zu machen; zwar hatte der Himmel mit düsterenWolken sich umzogen, welche sich bemühten, mein Heimweh mit ihrem nassen In-halt abzukühlen, und wenn zuweilen das liebliche Blau aus den Wolken hervor-blickte, so war es nur auf wenige Minuten, dann aber folgte wieder Regen, der.je weiter ich ging, desto stärker sich ergoß. Doch junges Blut hat frischen Muthund ich war wohlgemuth weiter marschirt und bis nach A. gekommen, obwohlganz durchnäßt. Da winkte mir außerhalb des Ortes ein wohlbekannter Fußsteig,in einer Stunde längstens soll er mich nach Hause bringen. Ich hatte mir,obwohl von dem beschwerlichen Wege ziemlich erschöpft, keine Labung mehr ge-gönnt, schien mir ja jede Viertelstunde verloren, die ich mich hätte aufhaltenmüssen und so folgte ich dem Fußwege fast die Schritte zählend, die ich nochbis zum lieben Vaterhause zurückzulegen hatte. Doch Halt! Da stehe ich Plötzlichan dem Büchlein, das sonst kaum ein paar Schritte breit ruhig und sanftseine Reise durch das grüne Thal macht, aber heute zum tobenden Wildbacheangeschwollen ist, der in hastiger Eile seine schlammigen Wassermaffen dahin-wälzt und den ganzen Thalgrund erfüllet. Einige Augenblicke stehe ich vordem stürmischen Elemente, zweifelnd, ob ich werde hindurchkommen können.Doch was soll ich thun? Den Weg zurück machen? Das hieße mich von derHeimat entfernen; eine Brücke oder auch nur ein Steg ist nicht in der Nähe —>also ich wage es in Gottes Namen, gehe etliche Schritte in das reissende Wasserund schon glaubte ich, die tiefste Stelle des Bettes erreicht zu haben und warnur bis an die Brust im Wasser, also voll guter Hoffnung, da mache ich nocheinen Schritt vorwärts und der Boden schwindet unter meinen Füßen, der Stromhat mich erfaßt und reißt mich fort — ein ängstlicher Blick nach Oben, ein Actder Reue und „heiliger Schutzengel rette mich!" Das ist Alles was ich thunund sagen konnte unv schon sah ich den sichern Tod vor Augen. Doch da ist's,als zöge mich eine unsichtbare Hand'aus der heftigen Strömung seitwärts undich weiß selbst nicht wie, aber ich stehe unversehrt auf festem Boden, freilich,wieder auf jener Seite, auf der ich zum Wasser gekommen war. Noch heutewenn ich daran denke, erkenne ich in jener Rettung das Werk des heiligenSchutzengels.
Jetzt blieb also wohl nichts anderes übrig, als auf die Straße zurückzu-kehren, um auf derselben den Heimweg fortzusetzen. Ich mußte da einen Umwegmachen hart an dem Marktflecken N. vorbei, und es war mir, als sagte eineStimme: Bleibe in diesem Orte über Nacht! aber das Verlangen die liebeMutter nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen, war mächtiger; ich gingan N. vorbei rüstig die Straße entlang, bis mich abermals ein bekannter Fuß-weg einlud, auf dem ich in kürzerer Zeit zum ersehnten Ziele zu gelangenhoffte. Mittlerweile fing es zu dunkeln an und Plötzlich war ich vom rechtenWege abgekommen. Da irrte ich nun in unheimlich finsterer Nacht stundenlangeauf und ab und konnte den Weg nicht mehr finden, den ich so oft gegangen,mich überhaupt nicht mehr zurecht finden in der ganzen Gegend; ich meinte ge-wiß mehr als eine Stunde weit vom Ziele abgekommen zu sein und entschloßmich endlich, diese Nacht unter freiem Himmel zuzubringen; auf einem durch-näßten Feldraine suchte ich selbst ganz durchnäßt die Ruhe. vom Froste geschüt-telt lag ich ermattet da, während die Wolken vom heftigen Winde getriebenüber mir hinzogen, zum Glücke regnete es nicht mehr; aber der Schlaf floh diemüden Glieder und wie unendlich lange währten die Stunden, bis endlich imfernen Osten der Morgen zu grauen begann. Zuletzt hatte nicht ein Schlaf,sondern eine Art Betäubung von der großen Anstrengung des vergangenenTages und von der überstandenen Angst sich eingestellt und schauerliche Bilderzogen an meinem Geiste vorüber, da horch! ertönt ein Glöcklein so mild, derTon ist mir so bekannt, ich habe ihn wohl viele hundert Male gehört, es ist