22. Jan. 1897.
«>-. 3. Wagt zur AngskuM Fößzmiiiig.
Ein sociales Wirken in der Stille der Familie.
Monsignor Joseph Weis,der Gründer und Vater der Marien-Anstaltin München und Warenberg.
(Schluß.)
tl. 8. I. Weis war ein hervorragendes Mitglied desSt. Vkncentius-Vercins und namentlich den armen weib-lichen Dienstboten, deren Loos oft in späteren Jahrender Arbeits-Unfähigkeit ein recht trauriges war, galt seineFürsorge. Er faßte den Entschluß, eine Anstalt für armeDienstboten zu gründen und gewann für diesen seinen Planeine wirklich geeignete Kraft, welche die Leitung des Haus-wesens übernahm und als Seniorin — so hieß mansie — in die Anstalt eintrat. Es war die Erzieherin inder Familie des Freiherr» von Pfetten, Fräulein MarieLindemann. Eine Wohnung in der Karlsstraße — aller-dings in der vierten Etage — wurde gemiethet und am12. Oktober 1856 die Marien-Anstalt eröffnet.
Vier ausgediente Dienstboten wurden unentgeltlichzur Verpflegung und zwei junge Mädchen zur Heran-bildung zu Dienstmädchen, nebst drei stellenbedürftigenDienstmädchen — also die drei Kategorien der heut-igen Anstalt wurden aufgenommen.
Schon im ersten Jahre war die Wohnung zu kleingeworden. Es fand eine Uebersiedeluug in ein Haus ander Hundskugcl statt. Leider war es dem trefflichenFräulein Lindemann nur zwei Jahre gegönnt, Leiterinder jungen Anstalt zu sein. Sie starb 1859, zu frühfür die Anstalt, welche erst nach einem langen, vergeb-lichen Suchen eine taugliche, der früheren Seniorin eben-bürtige Hauswirthin erhielt. Der Versuch, die Barm-herzigen Schwestern zur Leitung zu gewinnen, war nichtausführbar. Herr Präses Weis mußte den ganzen Werth,die ganze Vielseitigkeit einer leitenden Kraft kennen lernen,eben auf dem Wege des Suchcus und des Mißlingend.
Der Bitterkeiten waren es nicht wenige; der Gründerder Anstalt mußte eine harte Geduldprobe durchmachen.— Doch gerade hier war seine Stärke. Bange machengilt nicht, sagte er.
Da endlich fand sein scharfes Auge in der erst imJahre 1864 eingetretenen jugendlichen Schwester Sophiedie Kraft, die jetzt seit mehr als dreißig Jahren dieLeitung der fort und fort wachsenden Anstalt übernehmenmußte, trotz ihres Widerstrebens. Eines setzte die neuevierundzwanzigjährige „Seniorin" doch durch — nämlichdies, daß ihr, wahrlich nicht der lieben weiblichen Eitelkeitwegen, der vornehme, etwas humanistisch angehauchteund für deutsche Mädchen so nicht recht verständliche Titel„Seniorin", abgesehen von der Ironie der Verhältnisse,mit dem der „Schwester" vertauscht wurde. Diesen Titelführt sie bei den Ihrigen, sagen wir ihren Untergebenen,heute noch, trotzdem dieselben ihr gegenüber die volleSuperiorität der Oberin der gesammten Anstalten re-spcktircn. Nach außen wird selbstverständlich sie alssolche angesehen.
Der Präses hatte mit der Wahl derselben keinenMißgriff gemacht. Die jugendliche Leiterin fand sich sehrbald in ihre wahrlich nicht beneideuswerthe Aufgabehinein. Sie begegnete überall einer keineswegs freund-lichen Mitschwester, nämlich der Armuth. Spärliche frei-willige Beiträge waren Alles, auf was gerechnet werdenkonnte. Auch hier waren die Armen eigentlich die
reichsten Geber, wie das nicht selten anderwärts derFall ist.
Zwei Erfordernisse hatte die Oberin wohl von Hanse— als unentbehrliche Gottesgaben — für ihr Amt mit-gebracht, eine zähe Geduld, welche durch die größtenWiderwärtigkeiten und die täglich auf's neue wiederkehrendenPrüfungen nicht erlahmt, und eine ebenso unverrückt ih-Ziel verfolgende Ausdauer.
Jetzt konnte der sel. Präses den Plan fassen undverwirklichen, geeignete jugendliche Kräfte für die Zweckeder Anstalt heranzuziehen, welche dann zu einer Ge-nossenschaft vereinigt wurden. Aus einem größeren Kreise,einer Wallfahrerbruderschaft, wählte der kundige Mannweitere drei Schwestern, die er für die speciellen Anstalts-zwecke erzog und in strenge Disciplin nahm. So be-gann der Grundstock der Genossenschaft allmählig zuwachsen, bis dieselbe zu einer Anzahl von fünfzig heran-wuchs, von welchen fünf bereits verstorben sind.
Im Jahre 1859 erhielt die Anstalt ein Legat von30,000 Gulden. Damit wurde das kleine Häuschennebst Garten an der Briennerstraße Nr. 28 erworben/welches 16,000 Gulden kostete. Sofort wurde aufdiesem Grunde mit dem Neubau eines für die dreifachenZwecke geeigneten Hauses: a) Versorgung alter Dienst-boten, k) Beherbergung dienstsucheuder Mädchen, c) Er-ziehung junger Mädchen zu Dienstboten, begonnen.
Der durchweg praktische Neubau konnte schon am12. Oktober 1860 bezogen werden. ^
Natürlich war das geräumige Haus leer. Jetzt be-gann innerhalb der Genossenschaft die Kraft zu wirken,welche die beste und siegreichste Ueberwinderin derArmuth ist, nämlich die organisirte Arbeit. Durch dieseOrganisation der weiblichen Arbeitskräfte, dadurch, daßder Präses die geeigneten leitenden Personen fand undan die rechte Stelle in den Arbeitsstätten, in Haus undKüche, in dem Garten, in der Leitung der Ockonomieu. s. w., stellte, dadurch überwand er die zahllosen imWege stehenden Hindernisse. ^
Durch richtig organisirte Arbeit und Arbeitstheilungsollte all das erworben, verdient, erspart werden, wasdie zehrenden Kräfte, die alten Dienstboten und die zurErziehung in der Anstalt befindlichen Kinder, täglichkosteten. Das, was in den alten Klöstern als die Ma-xime des ganzen Ordens galt: Gebet und Arbeit, daswar für den sel. Präses das Lebenselement seinerFamilie.
Als der sel. Weis einmal zur Bestätigung seinerStiftung bei dem damaligen Cultusminister von Lutzsich vorstellen mußte, versuchte derselbe den Präses etwasin die Enge zu bringen, indem er ihm barsch erwiderte:„Nun, da werden Sie halt wieder betteln müssen!" Daraufgab der keineswegs aus der Fassung gebrachte Präsesdie Antwort: „Excellenz, wir arbeiten, und betteln nicht."„Wir arbeiten!" das war sein Motto.
In der Arbeit unterrichtete er seine Schwestern undseine Kinder. Zur treuen Pflichterfüllung, zu Fleiß,Ausdauer spornte er sie täglich an. Für die Arbeitsollten die Kinder der Anstalt erzogen werden. Siesollten sich — was so nothwendig und namentlich beidem Weibe unentbehrlich ist — in der frühen Jugendan die Pflicht der Arbeit und der Entsagung gewöhnetk.Nicht aber an jene sklavische Arbeit, welche uns so häufigaus den mürrischen erbitterten Gesichtern, den gelben ab-